1953: Hauskonzerte entwickelten sich zu den Schlosskonzerten

1953 erklang das erste Schlosskonzert.

Eigentlich lag der Lebensweg einer höheren Tochter vor ihr. Ungewöhnlich zielstrebig, dazu äußerst intelligent war die kleine Elfriede. Dass sie aus Berlin stammte, verschlechterte ihre Aussichten sicher nicht. Das kulturelle Klima der Weltstadt erzeugte Selbstbewusstsein. Mit sieben Jahren gaben die Eltern ihre Tochter aufs Konservatorium. Gleich nach dem Abitur begann sie an der Humboldt-Universität Musik zu studieren.


Schon kam alles anders. Die junge Frau verliebte sich in einen Forstmann. Die beiden heirateten, und schnell traf ein Kind nach dem anderen ein, schließlich vier an der Zahl. Elfriede Otto wurde allen Anforderungen gerecht. Was sie nicht in ihrem Sinne dirigieren konnte, war der Verlauf des Krieges. Es ging zurück im Osten. Der Ehemann, Vater und Ernährer wurde schwer verwundet. 1946 erlag er seinen Verletzungen.


Längst war Elfriede Otto mit ihren vier Kindern westwärts geflüchtet. Von Westpreußen bis nach Borstel bei Winsen verlief die Flucht. In der Revierförsterei Habichtshorst richteten die Flüchtlinge sich ein. Ungeheure Kraftreserven standen der vierfachen Mutter zur Verfügung. Sie arbeitete weiter an ihrer Karriere als Pianistin. Das Wohnzimmer richtete sie her für ein Hauskonzert. Sie lud persönlich dazu ein. Sie interessierte den WA für ihr Vorhaben. Die Besucher saßen auf Sofa und Sessel. Andere mussten sich mit Stuhl und Kiste begnügen.

Elfriede Otto studiert neue Stücke ein.

Die Borsteler Hauskonzerte eroberten ihren Platz im Winsener Kulturkalender. Es war nur eine Frage der Gelegenheit, wann sie aus dem privaten Rahmen heraustraten. Elfriede Otto ging selbstbewusst auf die Entscheidungsträger zu. Sie durfte in der Schlosskapelle spielen! Am 26. September 1953 gab sie ihr  erstes Schlosskonzert. Die Konzertreihe läuft nach wie vor, hat ihre Initiatorin längst überlebt. Das Konzert am 23. September 2009 war das 309. in der Gesamtzählung.


Die Pianistin in der Schlosskapelle hatte um die Musik herum viele Kollegen kennengelernt. Illustre Namen erschienen auf dem Winsener Konzertzettel. Im Laufe der Jahre führte Elfriede Otto durch die Musikgeschichte: Renaissance, Barock, empfindsame und galante Zeit, Klassik, Romantik, Spätromantik und Moderne.


Problematisch war, dass die Schlosskapelle nur rund 75 Besucher aufnehmen konnte. Ein Ortswechsel erwies sich als notwendig. Die Schlosskonzerte zogen auf die Diele des Museums St. Georg um. Inzwischen führt der Winsener Kulturverein die Schlosskonzerte fort. Je nach Einschätzung der Besucherresonanz geht es in die Stadthalle, in den Marstall oder in die renovierte Schlosskapelle. Nicht als Publikumsmagneten, aber als Gütesiegel braucht die Winsener kulturelle Szene die Schlosskonzerte.