1959: Moschus-Enten fressen nicht den Laich anderer Fische

                      

Paul Flora illustrierte den "Entenprozess".

                 

Josef Müller-Marein wohnte in Stöckte...

Josef Müller-Marein, weiland Chefredakteur der „Zeit“, hat entscheidend dazu beigetragen, dass der Winsener Ortsteil Stöckte in der neueren deutschen Literatur vorkommt. Diese Aufgabe teilte er sich mit seinem Freund Ernst von Salomon, dem nach Erscheinen des „Fragebogens“ in Stöckte ansässig gewordenen Romanciers und Bestsellerautors.


Für eine symbolische Jahresmiete von einer Deutschen Mark hatten von Salomons Müller-Mareins am Großen Brack zu Stöckte aufgenommen. Von Salomons besaßen zwei Häuser. Sie blieben in ihrer windschiefen Kate. Müller-Mareins breiteten sich und viele Bücher im Neubau aus. Es roch überall nach Literatur, insbesondere durch die von dem glänzenden Feuilletonisten Müller-Marein verfasste Groteske „Der Entenprozess“. Der Prozess lief vorm Winsener Amtsgericht. Die juristisch relevante Geschichte spielte am Großen Brack.


Alexandra Müller-Marein, die Gattin des „Zeit“-Chefs, kriegte anlässlich eines Besuchs in Bayern Moschus-Enten geschenkt. Diese schenkte man gern, denn man wusste, dass die Beschenkte oben im Raume Hamburg an einem See wohnte. Dort, so die Erwartung, würden die Enten es gut haben. Ein großer Garten und das Große Brack warteten in Stöckte auf die Enten.

...bei seinem Freund Ernst von Salomon.

Die reine Freude währte nicht lange. Der Hamburger Sportanglerverein, Besitzer des Großen Bracks, mochte die Enten nicht. Sie fräßen den Laich der im Brack lebenden Fische, ja sie vertilgten kleine Fische. Der Zuzug der Enten konnte nicht hingenommen werden, zumal nach einer Polizeiverordnung von 1917 Enten nicht in Fischgewässer eingelassen werden durften.


Sachverständige waren gefragt. Einer reiste aus Hannover an und erklärte, Moschus-Enten bevorzugten festen Boden und gingen nicht ins Wasser. Außerdem bevorzugten sie vegetarische Nahrung.


Auf einem Lokaltermin am Großen Brack bestätigten die Moschus-Enten, dass sie keinen Wert darauf legten, sich ins Wasser zu begeben und zu schwimmen. Die Sache lief darauf hinaus, dass der „Mann im Talar, der nicht nur Richter ist, sondern auch noch Richter heißt“, auf Freispruch erkannte. Die Groteske lebt davon, dass Müller-Marein die gegensätzlichen Beurteilungen des Entenlebens auseinandernimmt, um den komischen Kern offenzulegen.


Der „Entenprozess“ aus dem Jahr 1957 war ein vielgelesenes Buch. „Bändige, o Muse, meinen Zorn“, hebt Müller-Marein an, „nun, da ich die Feder ergreife, auf dass ich im Kampfe für zwei arme, aber liebliche Kreaturen nicht über das Maß hinausgehe und große Beleidigungen aus mir herausschleudere, anstatt kleine Beleidigungen. Hebe den Schleier, o Justitia, ein wenig von deinen Augen, damit du die Objekte des eben begonnenen Rechtsstreits erkennst: zwei Enten. Sei gnädig, denn es muss nun einmal sein, dass ich eingreife in ein schwebendes Verfahren...“ So der große Feuilletonist.


Hätte Alexandra Müller-Marein anfangs 32 DM Strafe gezahlt, hätte es keinen Gerichtstermin gegeben.  Aber sie wollte nicht zahlen. Die Sache sollte ordentlich be- und verhandelt werden zu ihrer Beruhigung und zu unser aller Vergnügen.

 

 

Das schönste Gebäude in Winsen sei das Gefängnis. So Müller-Marein.