1965: Beim Faslam darf man sich freier äußern als sonst

Winsen ist die Hochburg des Faslams. Brisante Themen werden auf den phantasievollen Wagen abgehandelt.

Die Düsseldorfer haben ihren Karneval, und die Münchener feiern Fasching. Die Stöckter haben eine eigene närrische Spielart entwickelt. Sie setzen auf ihren Faslam. Man darf sagen, dass Stöckte die Hochburg des Faslams ist, der Faslam in dem benachbarten Winsen eingeschlossen. Was so um die Faslamstage vor Aschermittwoch alles geschieht, bereitet der schreibenden Zunft viel Vergnügen.


So hatte eine Faslamsnummer anno 1965 ein langes juristisches Nachspiel. Die Sache begann vor Faslam in einer Stöckter Gastwirtschaft. Dort nannte ein Stöckter einen anderen Stöckter „Schiet...“. Auf die  Vorsilbe „Schiet“ folgte ein in Winsen bekannter Familienname. Warum ein Winsener Name durch ein „Schiet“ veranschaulicht wurde, war klar. Die gemeinte Familie hatte sich durch mehr als eine Generation mit Fäkalienabfuhr befasst. So wichtig und nützlich das war, es bot auch Anlass zum Frotzeln, den Sachverhalt mal zurückhaltend ausgedrückt.

Die Winsener Altstadt hatte bis zu der großen Sanierung unübersehbar mit Schiet zu tun. Allenthalben gab es Misthaufen und Plumpsklos. Da konnte es schon geschehen, dass jemand als "Schiet..." bezeichnet wurde.

„Schiet...“ nahm das nicht hin. Er wandte sich an den Schiedsmann. Der eröffnete ein Sühneverfahren.  Derjenige, der „Schiet...“ gesagt hatte, musste sich bei dem Adressaten des erweiterten Namens entschuldi-
gen.


Die Angelegenheit war nicht erledigt. Zwei Stöckter Wagenbauer mischten sich ein. Es musste erlaubt sein, in der Faslamszeit einen Spitz- oder Necknamen zu verwenden. Der erste Wagenbauer setzte sich auf einen Trecker, der zweite bestieg den Anhänger. Dieser war auf der ganzen Ladefläche mit Mist beladen, mitten drin eine Tonne. Darin saß die Nummer Zwei und rief unentwegt: „Nein, Schiet... bin ich nicht.“ Dieselbe Aussage war an dem Anhänger angebracht.


Die Sache ging vor Gericht. Der Richter hatte nicht nur Herz. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er die  Ausnahmesituation des Faslams begriffen hatte. In der Begründung, warum er keine Klage zuließ, schrieb er: „Dass in ähnlicher Weise gebildete Necknamen in der hiesigen Gegend häufig sind, ändert nichts daran, dass ein solcher Neckname im Einzelfall Missachtung ausdrücken und objektiv beleidigend sein kann. Es ist selbstverständlich das Recht des Betroffenen, sich gegen entstehende Namenszusätze zu wehren. Im Rahmen einer auf spaßhafte Darstellung angelegten Veranstaltung wie ein Faslamsfest muss aber schon bei der objektiven Beurteilung ein besonderer Maßstab angelegt werden: Bei solchen  Veranstaltungen dürfen – der Herkunft gemäß – die Veranstalter sich um des Witzes der Sache willen freier als sonst zulässig äußern. Sie dürfen erwarten, dass die Betroffenen aus dem gleichen Grunde gewisse Beeinträchtigungen hinnehmen (,gute Miene zum bösen Spiel machen’), sofern die durch das Spiel gesteckten Grenzen nicht überschritten werden. Vorliegend sind diese Grenzen nicht überschritten.“


Und der Richter schiebt noch eine philologische Bemerkung nach: „Es muss auch beachtet werden, dass das Anhängsel ,Schiet...’ eine spezifische Färbung hat, die keineswegs bösartig ist und die mit dem  herabsetzenden hochdeutschen Wort ,Scheiße’ nicht annähernd verglichen werden kann.“