1969: Lüneburg soll Nachbarkreis mit Winsen und Buchholz schlucken

So der Vorschlag der Weber-Kommission: Der Kreis Lüneburg sollte um zehn Großgemeinden des Nachbarkreises Harburg vergrößert werden. Winsen und Buchholz sollten dazugehören. Nur Neu Wulmstorf und Hollenstedt gedachte man dem Kreis Stade zuzuschanzen.

                   

Der niedersächsische Innenminister Richard Lehners erhielt im März 1965 den Auftrag, „unter dem Gesichtspunkt optimaler Leistungsfähigkeit Vorschläge für eine Verbesserung der Verwaltungsstruktur des Landes Niedersachsen ... zu erarbeiten“. Noch im November des Jahres trat die sogenannte Weber-Kommission zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen.


Professor Dr. Werner Weber, Staats- und Verwaltungsrechtler aus Göttingen, war der Vorsitzende der Kommission, die sich gutachtlich zum Thema Verwaltungs- und Gebietsreform in Niedersachsen äußern sollte. Zu insgesamt 44 Sitzungen trat die 14-köpfige Kommission zusammen. Nach dreijähriger Arbeit legte Lehners im März 1969 einen umfänglichen Bericht vor. Als Weber-Gutachten ist dieser in die niedersächsische Verwaltungsgeschichte eingegangen.


Nachdem das Gutachten ausgeführt hat, dass der neue Kreis Lüneburg Winsen und Buchholz enthalten soll, fasst es noch einmal zusammen: „Der vorgeschlagene Kreis Lüneburg setzt sich aus dem gegenwärti-
gen Kreis Lüneburg und dem Kerngebiet des Kreises Harburg zusammen. Ihm gehört die Stadt Lüneburg als selbständige Stadt an.“


Auf Hamburgs Bedürfnisse geht das Gutachten ausdrücklich ein: „Der Kommissionsvorschlag trägt der  Notwendigkeit Rechnung, im Umland Hamburgs große Kreise zu bilden, die den einheitlichen Planungs- und Entwicklungsproblemen dieses Raums gewachsen sind.“


Kein Zweifel, das Herzstück der ganzen Verwaltungs- und Gebietsreform war die Kreisreform. Kein anderer Aspekt innerhalb der vielfältigen Reformbemühungen brachte den so oft geforderten mündigen Bürger wieder und wieder dazu, seinen Mund aufzumachen und sich zu Wort zu melden, sei es auf Parteiveranstaltungen oder auf Anhörungsterminen der Planer aus Hannover, sei es in Telefonaten mit  Abgeordneten oder in Leserbriefen an Zeitungen.

Wie ein Deus ex Machina erschien Dr. Ernst Albrecht (Mitte) auf der politischen Bühne. Unser Foto entstand am 14. Januar 1976 im Niedersächsischen Landtag.

Niemand vermag zu sagen, was Argumente für und gegen den Großkreis Lüneburg-Harburg ausgerichtet  hätten, wenn es auf sie angekommen wäre. Die Koalition aus SPD und FDP tat sich schwer, die Kreisreform voranzutreiben, zumal nicht nur in Lüneburg und in Winsen Emotionen die politische Szene beherrschten. Überall in Niedersachsen schieden sich die Geister am Weber-Gutachten und am Referentenentwurf. Dessen Verfasser waren die im Innenministerium mit der Reform befassten Referenten. Die Schwierigkeiten und Ungereimtheiten der Kreisreform wurden zu einer immer größeren Belastung der gesamten Landespolitik, und alles spricht für die Vermutung, dass die ungelösten Reformprobleme die sensationellen Abstimmungsniederlagen der Regierungskoalition vom 14. und vom 15. Januar 1976 verursachten. Im Landtag zu Hannover war nicht über die Kreisreform abzustimmen, sondern darüber, ob Helmut Kasimier Ministerpräsident Alfred Kubel ablösen sollte – eine gänzlich unproblematische Fragestellung. Der Landesvater wollte rechtzeitig vor der nächsten Landtagswahl einem Jüngeren Platz machen.


Kein politischer Beobachter ahnte Sensationelles, als der Landtag am 14. Januar 1976 zur Abstimmung schritt. Finanzminister Kasimier erwartete die 78 Stimmen der SPD/FDP-Koalition, und die 77  CDU-Abgeordneten stimmten gewiss gegen den neuen Ministerpräsidenten Kasimier.


Drei ungültige Stimmen sorgten für ein ebenso unvorhergesehenes wie dauerhaftes Ende der  sozialdemokratischen Regierungsära in Hannover. Für Kasimier wurden nur 75 Stimmen abgegeben. 77 Abgeordnete favorisierten Dr. Ernst Albrecht, den so gut wie unbekannten Gegenkandidaten der CDU-Opposition. Kubels Kronprinz war gescheitert – das war die Sensation des Tages.


Die politische Wende in Hannover veränderte das Konzept der Kreisreform. Der Landkreis Harburg mit der Kreisstadt Winsen bleibt erhalten!