1980: Pro und contra den Winsener Lumpenjournalismus

Für den WA waren vier Redakteure im Haus des Handwerks dabei (von links): Günter N. Braun, Dr. Jürgen Peter Ravens, Wolfram Mittelacker und Jens-Rüdiger Stoltz.

Der WA mag Leserbriefe. „Aha“, sagen da die Spötter und verweisen darauf, dass Leserbriefe den Verlag nichts kosten. Man kann und sollte dieses Thema anders sehen.


Wichtig ist, dass viele Leserbriefe kommen. Wenn das zutrifft, wirft das auf die Leserschaft ein positives Licht. So beim WA. Die Leser interessieren sich für das, was um sie herum vorgeht. Genauso wissen sie – denn es hat sich durch die Jahre bestätigt – , dass die hand- oder schreibmaschinegeschrieben übermittelten Texte genauso sorgfältig gelesen werden wie die Einsendungen über die Kanäle von Fax bis E-Mail. So gut wie jeder Leserbrief erscheint im Blatt und tut seine oftmals erstaunliche Wirkung.

 

1980 durfte sich der WA über so viele Leserbriefe freuen, dass schnell der Name „Leserbrief-Affäre“  gefunden war. Das Thema hieß Gorleben, für den WA fast ein lokales Thema. Denn Winsen war Garnisonsstadt des Bundesgrenzschutzes (BGS).


Als sich der Staat nach langem Zögern entschloss, das von Gegnern der Atomkraft errichtete Hüttendorf „Freie Republik Wendland“ einzuebnen, waren aus Winsen mit dabei Beamte vom Polizeiabschnitt und von der Verkehrspolizeistaffel, insbesondere aber BGS-Beamte der Technischen Einheit mit ihrem schweren Gerät (Raupenfahrzeuge, Wasserwerfer, gepanzerte Mannschaftstransportfahrzeuge).


Am 4. Juni 1980 machte der Staat Ernst. Die in Gorleben zusammengezogenen 3000 Mann löschten die Freie Republik Wendland aus. Zuletzt fiel der hölzerne Turm mit der eigenen Sendeanlage.


Die Zeitungen berichteten. Der WA stellte zu seinen Berichten einen Kommentar, am 6. Juni veröffentlicht unter der Überschrift „Mitgefangen – mitgehangen“. Wer sich in politisches Umfeld begibt, muss sich nicht wundern, wenn er mit dem Umfeld gefangen (verurteilt) und gehängt (bestraft) wird. Die Worte waren  insbesondere an die Gegner der Atomenergie gerichtet.

Die wendländische Szene war anwesend beim WA-Forum.

Der WA interviewte den Kommandeur des Winsener BGS, Polizeidirektor Ekkehard Bode. Dieser erklärte, er habe nur erfahrene und besonnene Beamte nach Gorleben abkommandiert.


Die Leserbrief-Affäre kam erst so richtig zum Kochen, als der Winsener Pastor Jochen Freyer zu einem Leserbrief ausholte. Der Winsener Lumpenjournalismus (der Begriff stammt von Karl Marx) habe wiederum einen Triumph erzielt. Schleimige Arschkriecherei vor BGS und Polizei warf der Pastor dem WA-Kommentator vor. Seine Ausführungen gipfelten in dem Aufruf: „Dieser Pastor kommt mir nicht mehr ins Haus.“ Insoweit war die Replik klar: „Ein Pastor wie Jochen Freyer kommt mir nicht mehr ins Haus.“ Dazu die Bitte, diesen Brief möglichst bald zu veröffentlichen. Der Brief erschien sofort. Der damit  befasste Redakteur baute in die Leserbrief-Spalte die Spalte „Lesertelegramm“ ein.


Als der WA 55 Leserbriefe veröffentlicht hatte, wurde die Leserbrief-Affäre für beendet erklärt, zumal es mehrere öffentliche Veranstaltungen gegeben hatte, darunter ein Leser-Forum im Haus des Handwerks und eine Diskussion vorm Altar der St.-Marien-Kirche.