1989: Pferdestall avancierte zum kulturellen Zentrum

Der Marstall nahm die Stadtbücherei und das Museum auf.

Seit 1989 ist der Marstall am Schlossplatz Winsens kulturelles Zentrum. Ein herzoglicher Pferdestall machte sozusagen Karriere. Davor hatte er ein Schattendasein geführt. Der Marstall war die große Rumpelkammer der Stadt. Zum Beispiel überwinterten in ihm die weißen Bänke aus dem Schlosspark. Ein weiterer Nutzer war der WA. Die schweren Papierrollen für die Rotation lagerten in dem fürstlichen Gemäuer. Hinter dem Marstall erstreckte sich die Druckerei Gebrüder Ravens. Wegen der Feuergefahr kamen in die Druckerei und den Marstall eiserne Türen.

 

In den 80er-Jahren wurde die Nutzung des Marstalls zum Dauerthema der Kommunalpolitiker. Die Sanierung der Altstadt war im wesentlichen abgeschlossen. Jetzt musste man entscheiden, wie man auf Sicht den Marstall nutzen wollte. Alle möglichen Gruppierungen wollten sich im Marstall niederlassen. Der riesige Stall drohte wie eine Salami in Scheiben aufgeschnitten zu werden, bis Stadtdirektor Jens Volkert Volquardsen für eine ganz anders geartete Lösung zu werben begann. Statt das Objekt aufzuschneiden, konnte man es auch von links nach rechts in voller Breite nutzen. Dann stellte sich der Marstall sozusagen wie eine zweischiffige Kirche dar. Das vordere Schiff konnte die Stadtbücherei beziehen. Für das hintere Schiff wurde man sich mit dem Heimat- und Museumverein einig.

 

Die Museumsarbeit konnte sich künftig auf vier Ebenen mitten in der Stadt ereignen. Günstig war auch, dass bei musealen Veranstaltungen der Vielzweckraum im Erdgeschoss genutzt werden konnte. Das Museum bot im Erdgeschoss eine Dokumentation zum Thema: Ein Literat braucht Papier (aus der Winsener Papierfabrik Eppen), einen Drucker (in Winsen zweimal vorhanden) und davor und vorweg vor allem Einfälle (womit wir bei der Literatur angekommen wären).

 

Im ersten Obergeschoss erstand alles, was den Sanierern zum Opfer gefallen war, in sorgfältig gearbeiteten Modellen. Hier im ersten Obergeschoss wurde dazu eine ständige Eckermann-Ausstellung aufgebaut. Das zweite Obergeschoss wartete insbesondere mit Wechselausstellungen auf. Im dritten Obergeschoss breiteten sich die Archäologen und die Volkskundler aus.

Traurig: der Marstall vor der Renovierung.

Die Archäologie im Winsener Raum verdankt ihre Erkenntnisse insbesondere Professor Dr. Willi Wegewitz, dem langjährigen Chef des in Hamburg-Harburg angesiedelten Helms-Museums. Die Volkskundler erschlossen die Elbmarschkultur, ein nach wie vor ergiebiges Forschungsfeld.

 

Längst schauten die Winsener Museumsleute hinüber zum Schloss. Es handelt sich einerseits um die Mitglieder des Heimat- und Museumvereins und andererseits um die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Schloss. Als erste Maßnahme konnte die Schlosskapelle gründlich renoviert werden. Als dies geschafft war, nahm man als zweite Maßnahme den Schlossturm ins Visier.

 

Alle Bemühungen um das Schloss schließen das Lob der Herzogin Dorothea ein. Sie ließ den Marstall erbauen, sie schuf die Schlosskapelle. In Winsen verbrachte die Celler Herzogin ihren Lebensabend in aller Ruhe. Inzwischen zählt das Glockenspiel an der östlichen Wand des Marstalls die Stunden. Mit "Üb' immer Treu' und Redlichkeit" kann sich der Marstall von seinen Besuchern verabschieden.