1992: Der Goethe-Freund Eckermann war armer Leute Kind

Johann Peter Eckermann in seinen besten Weimarer Zeiten.

Gewiss, Winsen ist eine kleine Stadt. Aber es hat einen großen Sohn, und damit stimmt die Bilanz. Johann Peter Eckermann, der Goethefreund und Goethebiograf, stammt aus ärmlichen Verhältnissen in Winsen an der Luhe. Der geistreiche Verleger und Literat Anton Kippenberg hat die Situation in einem Schüttelreim festgehalten: "Auf Winsen sich die Ruhe legt,/ kein Windeshauch die Luhe regt./ Da hebt Gemuh, Gemecker an:/ die Herde heim treibt Eckermann."

 

Heranwachsende Knaben mussten das Vieh auf den Wiesen vor den Stadttoren hüten. Dass unter solchen Umständen die Schule zu kurz kam, wurde hingenommen. Auch Eckermann, später ein Mann der Sprache und der Feder, genoss keinen zusammenhängenden Schulbesuch. Aber wie das in der Kleinstadt so ist, niemand lebt unbeobachtet dahin. Einflussreiche Personen im herzoglichen Schloss zu Winsen und in der Superintendentur nahmen sich des kleinen Johann Peter aus der Straße Haselhorsthof an. Er kriegte Privatunterricht und, als die Schulzeit abgelaufen war, eine Stelle als Schreiber in der Amtsverwaltung auf dem Schloss.

Johann Wolfgang von Goethe.

Der weitere Bildungsweg bleibt zufällig. Vorübergehend besucht Eckermann ein Gymnasium in Hannover. Von dort wechselt er über zur Universität Göttingen. Natürlich soll er einen einträglichen Brotberuf, zum Beispiel den des Juristen, ergreifen. Er verliert sich an die schönen Künste.

 

Eine Arbeit über die Goethesche Lyrik schickt er gänzlich unbefangen nach Weimar, ja, er wandert der Postsendung hinterher und gelangt so erstmals in den dazumal unbestrittenen Musensitz. Es kommt zu einer Zusammenarbeit zwischen dem alternden Genie und dem begeisterten Jungliteraten.

 

Eckermanns Tragik besteht darin, dass er sich nicht als Dichter mit eigener Thematik durchsetzen konnte. Er führte mit Goethe Gespräche über Gott und die Welt. "Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens" ist Eckermanns Hauptwerk betitelt. Er legt mit seinen Aufzeichnungen die wichtigste Arbeit zur Vita des Olympiers vor. Mit seinen "Gesprächen" hat der Hütejunge aus Winsen das meistgelesene und meistzitierte Werk der Goetheliteratur verfasst.

Das Vaterhaus in der Schmiedestraße.

Eckermanns persönliche Verhältnisse sind beklagenswert. Er muss die Hochzeit mit Johanna Bertram, seiner ewigen Verlobten aus Northeim, wegen finanzieller Sorgen immer wieder verschieben. Als die beiden schließlich heiraten, ist das kein Neubeginn. Hannchen bringt einen Knaben zur Welt und verstirbt. Das Kind namens Karl wird Kunstmaler.

 

Am 21. September 1992 ist Eckermanns 200. Geburtstag zu begehen. Das Marstall-Museum besteht drei Jahre. Dort wird die umfassende Ausstellung über den großen Sohn der kleinen Stadt aufgebaut. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog. Walter Gröll und Günter Hagen haben ihn erarbeitet. Schon Ende 1971 war Hagens Eckermann-Biografie in zweiter Auflage erschienen.

 

Am Abend des Geburtstages zählt der Heimat- und Museumverein Winsen und Umgebung in der Stadthalle 500 Interessierte. Eckermann selbst kommt zu Wort. Gert Westphal, der König der Vorleser, liest aus Eckermanns Werk. Der WA stellte Passagen aus den "Gesprächen", Gedichte und Zitate aus Briefen zusammen. Die kleine Stadt hörte ihrem großen Sohn zu.