Auf 26 Einwohner kam eine Gaststätte

In dem Hymnus auf seine Vaterstadt Winsen reimte Herbert Ravens: "Wer je in Winsen ist gewest,/ trink meiner Heimat zu!/ Es leb das alte frohe Nest!/ Heil, Winsen an der Luh!" Durch den Heimat- und Museumverein Winsen und Umgebung ist das Lied dem Vergessen entrissen worden. Wenn im Marstall unmittelbar vor Beginn der Fastenzeit Winser Swiensköst gefeiert wird, erklingt es in launiger Regelmäßigkeit.

 

Mitten in der Stadt gelegen: das Hotel Rötting.

 

Das alte frohe Nest... Das Luhestädtchen war insbesondere ein versoffenes Nest. So jedenfalls hat es der Winsener Heimatautor Richard Fehlandt in seinen Theaterstücken festgehalten. "De Arbschoft ut Amerika", "Lütt-Korsika" und wie sie alle heißen - in den Stücken wird tüchtig gebechert. Einen Grund hat man immer parat in dem lieben versoffenen Nest.

 

Der Ratskeller im alten Rathaus auf der Marktstraße.

 

Die lokale Geschichtsschreibung untermauert, was der wackere Dichtersmann auf der Bühne vorführt. Als der Verein der Gastwirte Winsen und Umgebung 1987 sein 100-jähriges Jubiläum beging, da waren in der Stadt einschließlich der 13 eingemeindeten Dörfer 27.000 Einwohner vorhanden. Die Zahl der Gaststätten belief sich auf 56, so dass im Schnitt auf eine Quelle 482 Durstige kamen.

 

Ernst Düring, Nordertor.

 

Da kann die Lokalhistorie - die Geschichte der Lokale - mit wesentlich eindrucksvolleren Zahlen aufwarten. 1862 gab es 17 Gastwirte - die drittgrößte Berufsgruppe nach den 26 Schuhmachern und den 19 Maurern. Die Anzahl der Seelen betrug 2400. Eine Gaststätte betreute 141 Einwohner.

 

Weißes Ross, Marktstraße.

 

Das versoffene Nest präsentierte sich noch überzeugender. 1682 hatte ein Krüger 43 durstige Seelen zu versorgen. Unüberbietbar sind die Zahlen von anno 1627, also aus dem 30-jährigen Kriege: Die Bevölkerungszahl lag um 800, die Zahl der Gaststätten bei 30. Macht pro Ausschank 26 Winsener, Kleinkinder und Greisinnen mitgezählt.

 

Die Alte Schanze Ecke Eckermannstraße / Wallstraße. Viel besucht von Schützen.

 

Dass Bier nicht nur schmeckte, sondern auch zum Löschen von Bränden verwandt werden konnte, belegt das Großfeuer von 1585. Auf dem nachmaligen Grundstück der Alten Ratsapotheke wohnte dazumal ein Bierbrauer. Und weil er gerade gebraut hatte, nutzte er das fertige Bier als Löschwasser. Die Feuerwehr registrierte sofort, dass ihr unerwartete Hilfe zuteil wurde.

 

Der Ratskeller im neuen Rathaus. Es handelte sich wirklich um einen Keller.

 

Die Güte des Winser Biers beruhte nicht zuletzt darauf, dass Luhewasser die Grundlage bildete. Das heißt, es musste auf die Reinhaltung des Flusses geachtet werden. Brüllte auch in Winsen der Ausrufer, wenn gebraut werden sollte? Gut klang: "Et wird hiemit bekannt gemaket,/ dat keiner in die Luhe k...."