Die Jahrhundertflut von 1962 bedrohte auch die Kreisstadt

Am schlimmsten war Achterdeich bei Stelle betroffen.

Auf einer Landzunge im Flussgebiet der Elbe konnte Winsen entstehen und wachsen. Das Stadtgebiet war dem Wasser abgetrotzt. Nach und nach schützten zwar Deiche die Menschen, die Tiere und die Häuser. Aber eine gewisse Unsicherheit blieb bestehen. Auch 804 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung lebte man gefährlich in Winsen. Die Jahrhundertflut von 1962 schoss herein in die Stadt und deren nächste Umgebung.

 

Was geschah 1962? 45 Stunden lang tobte ein Orkan mit Geschwindigkeiten von 80 bis 100 Stundenkilometern im Mittel. In Böen war er schneller als 120 Stundenkilometer. Für die Elbmündung und Hamburg wurde verhängnisvoll, dass der Orkan genau die für diesen Bereich gefährlichste Windrichtung hatte: Westnordwest. Das Verhängnis vergrößerte sich durch eine Fernwelle aus dem Atlantik.

 

Insgesamt forderte die große Flut von 1962 in Nordwestdeutschland 340 Menschenleben. Die meisten Toten waren in Hamburg zu beklagen: 315. Im Landkreis Harburg gab es fünf Todesopfer, vier davon in Achterdeich bei Stelle.

 

Am bedrohlichsten war, dass der Elbdeich in Bullenhausen brach. Die Fluten rissen ein 103 Meter breites Loch. Die eindringenden Wassermassen spülten das Ufer bis zu 4,50 Meter unter Gelände aus.

Zu den überschwemmten Winsener Straßen gehörte 1962 auch Eppens Allee.

Die meisten Deichbrüche waren an den Rückdeichen zu verzeichnen. Insgesamt 26 betrug die Zahl der Deichbrüche in den Bereichen Harburger Deichverband, Deich- und Wasserverband Vogtei Neuland und Wasserverband Viefeld (östlich von Winsen).


Am schlimmsten litt Achterdeich. Hier wurden 20 Häuser zerstört oder beschädigt. Ein strohgedecktes
Bauernhaus brach in der Mitte durch. Die eine Hälfte nahmen die Fluten mit. Die Bewohner konnten sich retten. Eine Baracke wurde den Ashausener Mühlenbach hinaufgedrückt und zerschellte an der Brücke für die erneuerte Bundesstraße 4.

Nach der großen Flut von 1962 entstand das Ilmenau-Sperrwerk in Hoopte.

Betroffen war auch die Kreisstadt Winsen. An der Hoopter Straße schloss das Wasser mehrere Häuser ein. So war es auch am Stöckter Deich und am Tönnhäuser Weg (Tönnhäuser Deich). Durch die Ilmenaumündung drang das Wasser ilmenau- und luheaufwärts. Die über die Ufer getretene Luhe setzte im Verein mit dem Pattensener Graben den westlichen Stadtrand unter Wasser. Das galt für Schusterwall, Eppens Allee und Gartenweg. Mehrere Menschen musste das DRK in Schlauchbooten evakuieren.


Das Haus der Jugend, die Eppensche Villa an der Bahnhofstraße, sowie die gerade neu eingerichtete Unterkunft für den Bundesgrenzschutz (BGS) standen als Auffanglager bereit. Die Winsener Viehhalle war die wichtigste Anlaufstelle für Tiertransporte. 350 Rinder und anderes Vieh wie Schweine wurden hier trocken aufgestellt und gefüttert.


Auf der Kleinbahnlinie Winsen – Niedermarschacht kam der Personen- und Güterverkehr zum Erliegen. Die Nettelberger Brücke musste gesperrt werden. Die Motorschiffe „Energie“ und „Maxburg“ hatten sich von ihrem Anlegeponton ganz in der Nähe losgerissen, waren unter der Brücke hängengeblieben und ließen sich nicht mehr bewegen.