Einheitsgemeinde Seevetal

Bürokraten schufen ein höchst künstliches Gebilde

Das Rathaus der Gemeinde Seevetal in Hittfeld.

Aus 19 früher selbstständigen Gemeinden schufen die Bürokraten in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover 1972 die Einheitsgemeinde Seevetal. Die damalige Zusammenführung wurde angesehen als Notwendigkeit moderner, rationeller, wirkungsvoller und kostengünstiger Kommunalverwaltung. Dass damit eine Gemeinde ohne natürlichen Mittelpunkt entstand, auf den die Bürger gemeinsam bezogen sind, und dass damit ein höchst künstliches Gebilde entstand, war für die Verwaltungstechniker in Hannover nicht ausschlaggebend.

Geplagt von Autobahnen, Bahnfernstrecken, Rangierbahnhof, Bundes- und Landesstraßen, von Fernleitungen für Strom, Wasser, Abwasser, Erdöl und Erdgas sowie von einigen weiteren Belastungen hatten die Menschen in der Einheitsgemeinde Seevetal, ja haben sie es noch heute nicht leicht. Andererseits ist die gute verkehrstechnische Infrastruktur ein wichtiger Standortfaktor für Unternehmen. Und: Die Menschen in Seevetal haben Wert darauf gelegt, die in manchen ihrer Orte noch vorhandenen Dorfkerne zu erhalten und damit alte Ortsbilder zu bewahren.

 

"Burg Seevetal" heißt das Veranstaltungszentrum der Gemeinde Seevetal in Hittfeld.

 

 

Ortschaften

Hittfeld - Heimliche Hauptstadt rund um den Kirchhügel

Die Hittfelder Mühle.

Noch 1978 ordnete ein Chronist die zentrale Bedeutung Hittfelds - allerdings ganz vorsichtig - in die Vergangenheit ein - wohl um den Zusammenwachsen der Gemeinde Seevetal keine unnötigen Fallen zu stellen. Müsste der Chronist die heutige Situation beschreiben, er brauchte die zentrale Funktion dieses Ortes nicht zu verschweigen. Zu offenkundig ist das, was sich zwischen der 1875 erbauten Mühle - dem Wahrzeichen Hittfelds - und der St.-Mauritius-Kirche abspielt, einer Kirche, die um 1250 gebaut wurde und auf drei Vorgängerbauten verweisen kann, die über zwei Knüppeldämme zu erreichen waren. Der eine Damm führte vom heutigen Maschener Kirchberg auf den Kirchhügel zu, der andere verlief im Bereich der heutigen Kirchstraße, der Hauptstraße von Hittfeld.

Das idyllische Örtchen mit dem Flair einer heimlichen Hauptstadt mauserte sich stark, bekam sogar eine Spielbank. Für die Gemeinde Seevetal wurde die Spielbank zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Auch für die Geschäftswelt erwies sich die Spielbank als vorteilhaft und wichtig. 1975 eröffnet, siedelten sich in den folgenden Jahren rund um das Casino Modeboutiquen und feine Restaurants an, erhielt der Ort ein elegantes Flair. 1983 wurde das Veranstaltungszentrum "Burg Seevetal" und damit ein weiteres Aushängeschild in Hittfeld eröffnet.

Der Bedeutung Hittfelds als zentralen Orts hat auch der Gemeinderat Seevetal Rechnung getragen, als er 1988 den Beschluss fasste, mit dem Neubau des Rathauses in Hittfeld aus dem seit 1972 vorläufigen den endgültigen Verwaltungssitz zu machen.

Die Hittfelder haben keine Probleme mit der Bedeutung ihres Ortes. Hittfeld war von alters her Zentrum. So begünstigte früher die Lage an der Kreuzung zweier Postwege (Stade/Hittfeld/Lüneburg und Harburg/Hittfeld/Celle) die Entwicklung. Und auch die Kirche rückte den Ort von früh an in den Mittelpunkt: Einst war Hittfeld Zentrum eines umfangreichen Kirchspiels, später wurde Hittfeld Sitz einer Superintendentur.

 

Horst - Fische und Perlen aus dem Heideflüsschen

In prächtigem Fachwerk präsentierte sich die Horster Mühle bis zum Brand 1936. Familie Schmanns - seit 1888 Eigentümerin - baute sie wieder auf.

Autofahrer aus Nah und Fern kennen das Horster Dreieck, die Menschen aus der Gegend rühmen sich jedoch viel lieber mit ihrer Mühle. Die Horster Wassermühle war Eigentum des uralten Stiftes Ramelsloh, wurde vermutlich Mitte des 16. Jahrhunderts gebaut. 1620 musste sie zum ersten Mal gründlich repariert werden. Immer wieder zerstörten die Wasserfluten der Seeve die Mühle, unermüdlich wurde sie von den verschiedenen Bewirtschaftern wieder aufgebaut. Zum Beispiel nach dem Brand von 1936, der das alte Mühlengebäude zerstörte und damit auch das Elektrizitätswerk vernichtete, das seit 1910 Horst und Maschen mit Strom versorgte.

Als 1992 das Wasserrad der Mühle saniert wurde, musste die Seeve zunächst in ihr altes Bett geleitet werden. Der Seevekanal wurde mit einem Damm aus Eisenträgern, Baumstämmen und 2000 Sandsäcken abgeschottet. Doch das Wasser ließ sich nicht bändigen, der Damm brach. In einer nächtlichen Aktion konnten schließlich im zweiten Anlauf Nägel mit Köpfen gemacht werden.

Nicht nur die Wasserkraft der Seeve diente zu allen Zeiten den Menschen, auch der Reichtum des Flusses wurde kräftig genutzt, der zunächst Grenzfluss zwischen dem Bardengau im Osten und dem Gau Mosidi im Westen, später Hoheitsgrenze zwischen den Ämtern Winsen und Harburg war. Fischfang und der Fang von Flussperlmuscheln - ein Vorrecht der Landesherren - wurden betrieben. In den Klöstern Lüne, Wienhausen und Isenhagen lagern Wandteppiche und Altardecken, für deren Anfertigung auch Perlmuscheln zum Beispiel aus der Seeve nahe Horst verwandt wurden. Mit dem Einsammeln waren vereidigte Perlfischer beauftragt, die die Perlmuscheln in den Uferhöhlungen suchten. Eine Muschel enthielt in der Regel eine Perle. Die reifen Perlen waren hell, bläulich-weiß und glänzend. Heute ist die Perlmuschel selten geworden.

 



Dreht sich unermüdlich: das Wasserrad in Horst.

 

 

Maschen - Wie der Fortschritt ein Dorf verwandelte

Geplagt von Verkehrsadern ist Maschen. Der Verkehrsfunk machte den Ort bekannt.

Durch den Verkehrsfunk hat Maschen eine Berühmtheit in Deutschland erlangt, die kein Bürger dieses einst ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Dorfes je anstrebte: Stau im Maschener Kreuz. Zerfressen und zernarbt bietet sich Maschen dem Betrachter: Autobahnen, Fernstraßen, Eisenbahnstrecken geben sich im Bereich dieses geplagten Ortes ein Stelldichein. Zwischenzeitlich sah es sogar so aus, als würde die berüchtigte Magnetschwebebahn Transrapid kommen und zwischen Bahnauffahrt und Steller Gemarkung einen Halteplatz mit einem riesigen Parkplatz bekomen. Naturschützer und aufgebrachte Bürger stiegen seinerzeit auf die Barrikaden.

 

Der Transrapid wurde nie gebaut, die erwarteten gewaltigen Verkehrsmassen kamen nicht. Ein Verkehrsknoten war und ist Maschen in Anbetracht der vielen anderen dort verlaufenden Verkehrstrassen dennoch.

 

Bereits im vorindustriellen Zeitalter führten zwei wichtige Postwege durchs Maschener Gebiet: der Alte Postweg von Harburg über Jehrden und Pattensen nach Lüneburg sowie die Verbindung Harburg-Winsen. 1905 mit einem Bahnhof an die Eisenbahnstrecke Harburg-Hannover angebunden, in den 30er-Jahren mit der Autobahn Hamburg-Bremen, in den 50er-Jahren mit der Autobahn Hamburg-Hannover bedacht, wurden die Weichen für die Zukunft des Ortes gestellt.

 

Wenig Freude bereitet der größte Rangierbahnhof in Europa den Anliegern.

     

Für Großeinsätze auf dem Rangierbahnhof Maschen wird eine schlagkräftige Bahnfeuerwehr benötigt.

Von Weichen können die Bürger in Maschen seit dem 7. Juli 1977 ein Lied singen. Damals nämlich nahm der Rangierbahnhof Maschen seinen Betrieb auf. Die Baumaßnahmen für dieses Projekt verwandelten das Hinterland des aus einem Bauerndorf entstandenen Wohn- und Geschäftsortes völlig. Auf einem Gelände von sieben Kilometern Länge und über 700 Metern Breite mit einem Gleisnetz von über 300 Kilometern Länge und über 1000 Weichen werden sowohl in Nord-Süd- als auch in Süd-Nord-Richtung pro Tag mehrere Tausend Waggons abgefertigt. Als größter Rangierbahnhof Europas geführt, ist er angesichts der zahlreichen Gefahrguttransporte eine ständige Gefahrenquelle für die Menschen in Maschen und darüber hinaus. Weltweit gibt es nur einen einzigen Rangierbahnhof, der den Maschener übertrifft, und das ist der Rangierbahnhof Bailey Yard im US-Bundesstaat Nebraska.

 

 

Apropos USA: Die Cowboys von Amerika haben einen Wilden Westen, Deutschland hat ebenfalls einen, und der befindet sich in Maschen. So zumindest singt es die populäre Country-Band "Truck Stop" in ihrem Lied "Der wilde, wilde Westen", wohl jeder hat's schon mal im Radio gehört: "Der wilde, wilde Westen / fängt gleich hinter Hamburg an / in einem Studio in Maschen / gleich bei der Autobahn."

 

Meckelfeld - Früh der Faszination der Großstadt erlegen

Städtische Entwicklung prägte seit den 60er-Jahren den einwohnerstärksten Ort von Seevetal, Meckelfeld.

Bis Anfang der 60er-Jahre präsentierte sich Meckelfeld als ein beschauliches, bäuerliches Dorf, dessen Bevölkerung hauptsächlich von der eigenen Landwirtschaft lebte. Doch dann überstürzten sich die Ereignisse. Eine verstärkte Bautätigkeit setzte ein, und es entstand das, was Meckelfeld heute ausmacht: eine große, vielgestaltige, stellenweise dicht besiedelte vorstädtische Siedlung. Riesige Kräne markierten das Baugeschehen. Bauernhöfe verschwanden aus dem Ortsmittelpunkt, wurden durch Hochhäuser ersetzt. Meckelfelds Ortszentrum bilden heute mehrgeschossige Wohn- und Geschäftsbauten.

 

Wo gerade noch Pferde gegrast und Hühner sich in den Sandmulden geplustert hatten, standen bald in Reih und Glied die neuen chromblitzenden Gefährten der Menschen, berichtet wehmütig ein Chronist des Ortes, dessen Einwohnerzahl von knapp 3500 zu Beginn der 60er-Jahre auf jetzt rund 10.000 stieg; damit ist Meckelfeld die einwohnerstärkste Ortschaft innerhalb der Gemeinde Seevetal. Als Ausgleich für den Verlust des historischen Ortskerns wurde den Meckelfeldern ein neues Ortszentrum serviert - die Mattenmoorstraße.

 

Ob die Menschen sich damit identifizieren, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden, sicher ist, dass Meckelfeld früh der Anziehungskraft Harburgs erlag. Ab 1902 fuhr die "Elektrische" von Rönneburg über Harburg bis nach Hamburg. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufblühende Industrie Harburgs lockte, den Meckelfelder Höfen gingen ständig Hilfskräfte verloren. Als Wohnort blieb Meckelfeld erhalten, lag Harburg doch sehr nah. Und diese Nähe nutzten wiederum die Städter zu Ausflügen nach Meckelfeld, zu Schlittschuhpartien auf den überfluteten Seevewiesen oder zu Kahnfahrten aus dem Seevekanal, der 1539/43 entstand, um mit Seeve-Wasser die Harburger Schlossmühle anzutreiben.

 

Zündstoff lieferte dieser Kanal in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zwischen Winsens Herzogin Dorothea und dem Harburger Herzog Otto. Die Herzogin-Witwe im Winsener Schloss fürchtete um ihre Einkünfte aus der Seeve-Nutzung, glaubte sie doch, der Fluss würde versanden. Von Zündstoff blieb Meckelfeld auch danach nicht verschont: Die Pulvermühle am Mühlenbach lieferte während des 30-jährigen Krieges den entsprechenden Stoff.

 

Mit Vorliebe besuchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Städter aus Harburg Meckelfeld. Gemütliche Lokale unter alten Bäumen lockten ins Freie.

 

 

Ohlendorf - Baukweddel, Quelle für Arbeit und Erholung

Beliebtes Ziel ist das Waldgebiet alter und neuer Buchwedel am Rande von Ohlendorf. Einst Quelle für Arbeit, dient es jetzt als Quelle für Erholung.

Spricht man über Ohlendorf, denkt man an Wald. Das rund 225 Hektar große Waldgebiet zwischen Ohlendorf und Stelle - der neue und der alte Buchwedel - ist heute Ziel vieler Erholungsuchender.

 

Dient der Wald jetzt überwiegend der Erholung, war er einst Haupterwerbsquelle vieler Ohlendorfer. Im Staatsforst Buchwedel - der alte Buchwedel nördlich des Alten Postweges - arbeiteten zum Beispiel zwischen 1839 und 1939, in diesem Zeitraum entstanden in Ohlendorf 64 Abbauerstellen, zwölf Abbauer aus Ohlendorf als Waldarbeiter-Kolonne. "Baukweddel" nennen die älteren Ohlendorfer das Waldgebiet, "Baukweddelkerls" hießen die Waldarbeiter.

 

Da der alte Buchwedel bereits seit Jahrhunderten herrschaftlicher Wald war - heute ist er Staatsforst -, galt er früher als Bannwald. Niemand durfte Holz entnehmen, darin die Jagd ausüben oder durch ihn Vieh zur Weide treiben. Wäre der Wald einst nicht Bannwald gewesen, möglicherweise gäbe es heute nicht so viele Eichen und Buchen in diesem Teil des Waldgebietes.

 

Die heute ausgedehnten Nadelwaldbestände waren um 1650 noch nicht vorhanden. 1756 wurden größere Versuche von planmäßigen Aufforstungen mit Nadelhölzern im Kreisgebiet durchgeführt. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts begann eine planmäßige Forstwirtschaft. Steigender Holzbedarf musste möglichst schnell gedeckt werden. Daher wurden schnellwachsende Nadelhölzer gepflanzt: Kiefern aus nähstoffarmen Böden oder an etwas besseren Standorten Fichten. Noch bis 1835 war das Gebiet zwischen Ohlendorf und dem alten Buchwedel kahle Heidefläche, wurde es als Schafweide genutzt. Erst später entstand der heute private Kiefernwald.

 

Einen rechten Weg wollte ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Erweckungsprediger und Gründer der Hermannsburger Mission, Louis Harms, aufzeigen. Zu seinen Jüngern zählte Peter Grote, der seit 1859 in Ohlendorf zu erwecklichen Versammlungen einlud. 1875/76 entstand ein Posaunenchor, der an missionarischen Einsätzen mitwirkte. Am Missionsweg entstand 1962 das Haus der Landeskirchlichen Gemeinschaft und des Jugendbundes für Entschiedenes Christentum, von Gemeinschaften also, die das Leben im Ort wesentlich mitprägen.

 

Holtorfsloh - Früher einfach Holtorf

Der Name Holtorfsloh ist längst nicht so alt wie der idyllische Ort selbst. Früher nämlich - vor der Zusammenlegung der Kreise Winsen und Harburg im Jahre 1932 - hieß das heutige Holtorfsloh einfach Holtorf. Warum diese Namensänderung? Nach 1932 gab es im Landkreis Harburg plötzlich zwei Dörfer namens Holtorf: das heutige, mit Ohlendorf zu einer Verwaltungseinheit verbundene Holtorfsloh und das heutige Holtorfsbostel im ehemaligen Kreis Harburg. Die ursprüngliche Unterscheidung in Holtorf I und Holtorf II stieß auf wenig Gegenliebe, und so kam 1935 vom Statistischen Reichsamt in Berlin der noch heute gültige Vorschlag. Die gewitzten Holtorfsloher versuchten vergeblich, die Entscheidung rückgängig zu machen. Ihr Argument, da Holtorf II nunmehr Holtorfsbostel heiße, könne Holtorf I bei Holtorf bleiben, fand kein Echo...

 

Zu den markanten Geschöpfen von Holtorfsloh, dessen Geschichte mindestens bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, gehört eine Gans. Frieda und Hermann Kaiser, in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts bereits in den 80ern, hielten große Stücke auf sie, die Hermann Kaiser 1946 gegen Hafer und Holz aus Ramelsloh holte. Bis ins hohe Alter von etwa 40 Jahren kündigte die Gans wie damals ihre Kolleginnen vom Capitol jeden Gast mit Geschnatter und Gezische an; die Lebensgefährtin der Kaisers legte gar noch jeden Tag ein Ei. Ende der 80er-Jahre wurde die Gans vermutlich Beute eines Stadthundes.

 

Over - Leben am Strom, Leben mit der Gefahr

Schwere Schäden verursachte die Sturmflut von 1962 im Bereich Over/Bullenhausen.

Leben mit der Elbe - das bedeutet Leben von der Elbe, aber auch ständige Gefahr für Leben, Hab und Gut. Seit 1427 der Strom in einen neuen Verlauf gezwängt wurde - in den Ripenborger Bogen, der bei Drennhausen beginnt und westlich der Seevemündung bei Over endet -, waren schwere Überflutungen und unzählige Deichbrüche die Folge. Die Hansestädte Hamburg und Lübeck sperrten Dove- und Gose-Elbe ab, über sie verlief damals der Hauptstrom durch die Vierlande. Das Urteil des Reichskammergerichts in Speyer, den alten Stromverlauf wiederherzustellen, ließen die Städte unbeachtet.

 

Zu den schweren Sturmfluten zählte die sogenannte Franzosenflut 1814. In Over brach der Herrendeich auf eine Länge von 120 Ruten (eine Rute = 4,65 Meter). Die Flutwelle breitete sich innerhalb von zwei Tagen auf eine Entfernung von 30 Kilometern von der Bruchstelle weg aus. Die Flut von 1855 hatte mehrere Deichbrüche zur Folge, wodurch die Feldmark bis nach Harburg in eine Wasserwüste verwandelt wurde. Die Deiche wurden danach zwar beträchtlich erhöht, der Februar-Flut von 1962 hielten allerdings auch sie nicht stand. In Bullenhausen brach der Deich zunächst auf eine Länge von 50 Metern, vergrößerte sich rasend schnell auf 120 Meter. Die Bürger auch aus Over mussten evakuiert werden. Die Deiche wurden erneut erhöht, Sperrwerke entstanden, Siele und Hochwasserschutzmauern wurden gebaut.

 

Vor Over - dort, wo die Seeve in die Elbe mündet - ist die Heimat einer kleinen Kostbarkeit: In dem Feuchtgebiet wachsen Schachbrettblumen. Es ist das größte zusammenhängende Schachbrettblumen-Vorkommen Deutschlands. Die Blume wurde schon 1937 durch eine der ersten umfassenden Artenschutzverordnungen in die Liste der vollkommen geschützten Pflanzen aufgenommen.

 

Ramelsloh - Wat de neie Hahn noch nich sehn hett

Wer von der Autobahn Hamburg-Hannover kurz hinter dem Horster Dreieck aus seinen Blick in westliche Richtung wenden kann, der entdeckt Ramelsloh und von Ramelsloh den zwischen schönen, alten Bäumen herausragenden Kirchturm der Stiftskirche. Mit der Kirche entdeckt man das, was Ramelsloh von alters her prägte. Der Überlieferung zufolge, die sich auf wohl zu Beginn des 11. Jahrhunderts gefälschte angebliche Urkunden König Ludwigs des Deutschen von 842 und Papst Nikolaus' I. von 864 beruft, soll das Stift St. Sixtus und Sinnitus in Ramelsloh von Ansgar, dem ersten Erzbischof von Hamburg-Bremen, gegründet worden sein. Ansgar soll eine Zuflucht gesucht haben, als Hamburg 845 durch die Wikinger zerstört wurde. Den Platz dafür soll ihm die edle Frau Ikia im Wald Hramesloa an der Seeve im Bardengau geschenkt haben. Das Datum der ältesten urkundlichen Erwähnung ist zwar 937, die Ramelsloher halten jedoch mehr von 845.

 

Nicht nur die Kirchengeschichte machte Ramelsloh bekannt. Mindestens drei Bürger halfen kräftig mit: Tischlermeister Johann Harms baute zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein Flugzeug, bekannteste Erfindung des Physikers Dr. Manfred Seiffert - er besaß zuletzt 40 Patente - war ein Unterwassersender für U-Boote, Albert Scharfenberg, der letzte Gastwirt des "Klosterkrugs", erfand eine Schnellkupplung, mit der Feuerwehrfahrzeuge ausgerüstet werden. Zu den berühmten Geschöpfen des Ortes gehört nicht nur der Wetterhahn der Kirche, der 1981 vom Turm stürzte und durch einen neuen ersetzt wurde, sondern lebende Hühner und Hähne. Die Hühnerzucht ist wahrscheinlich auf das mittelalterliche Chorherrenstift zurückzuführen, hatte für das Dorf jahrhundertelang eine besondere Bedeutung. 1874 wurde das Ramelsloher Landhuhn unter dem Namen "Ramelsloher" gar zu einem Rassehuhn. Dem "Weißen Ramelsloher" folgte das "Ramelsloher Blaubein". Heute sind die "Ramelsloher" im Kreismuseum am Kiekeberg in Ehestorf zu bewundern.