Einheitsgemeinde Stelle

Viele Schritte auf dem Weg zur Einheit

Zu den größten Investitionen der Gemeinde Stelle zählte der Neubau des Freibades für rund fünf Millionen Mark.

Durch die Gemeindereform von 1972 entstand die Gemeinde Stelle aus vier Orten: aus Stelle, Ashausen, Fliegenberg und Rosenweide / Wuhlenburg. Trotz der integrativen Bürgermeister Hermann Hartig, Hans Heiner Dehning und Paul Neumann wuchs die Verwaltungseinheit im Herzen der Bewohner nicht zu einer Einheit zusammen. Was einst beklagt wurde, wird heute gar gefördert: Die Eigenständigkeit der Orte soll erhalten bleiben.

 

Trotz allem gibt es Aktivitäten in der Gemeinde, die Klammern für die dringend notwendige Einheit der Gemeinde darstellen. Da gibt es den "Grünen Kreis Stelle", der alle zwei Jahre mit der Informationsausstellung "Schaffendes Stelle" an die Öffentlichkeit geht. Die heimische Wirtschaft und Hobbytreibende aus der Gemeinde haben die Möglichkeit, sich jeweils Tausenden von Besuchern zu präsentieren. Die Ausstellung hat die Gemeinde weit über ihre Grenzen hinaus bekannt gemacht.

 

Eine weitere Klammer stellt die Gemeindebücherei dar. Sie ersetzt mit Veranstaltungen den Mangel an kulturellen Initiativen anderer Art. Auch sie trägt dazu bei, der Gemeinde Stelle überregionale Bedeutung zukommen zu lassen.

 

Stelle unterhält seit 1991 eine Partnerschaft mit dem französischen Plouzané sowie seit 1997 mit dem englischen Glenfield. Stehen Fahrten in die Partnerstädte an, dann sind in der Regel Bürger aus allen Ortsteilen mit von der Partie - insofern tragen auch diese Partnerschaften dazu bei, dass die Gemeinde Stelle zusammenwächst, dass man gemeinsam etwas unternimmt.

 

Ortsteile

Stelle - Eine große Straße spaltet den Ort

1906 zeigte sich die heutige Kreisstraße 86 in Stelle so. Pferdefuhrwerke bildeten den hauptsächlichen Verkehr. Autos waren Sensationen.

Als widerborstig werden die Steller bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben. Hauptlehrer Ritter führte diesen Charakterzug, der sich bis heute erhalten hat, unter anderem auf die kirchliche Vielfalt zurück. Bis zum Ersten Weltkrieg gab es nämlich drei Kirchen in Stelle: die Evangelisch-lutherische Gemeinde, die Selbständige Evangelisch-lutherische Gemeinde und die Baptistengemeinde. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam eine vierte Kirche hinzu, die Neuapostolische.

Auch die geografische Lage des Ortes muss als Grund dafür herhalten, dass in einem kleinen Ort so viele Kirchen ansässig wurden. Stelle liegt verkehrsgünstig an der Bahnstrecke Hamburg-Hannover und an der K 86, einst Große Chaussee, Heerstraße, Provinzialstraße, Hauptstraße und Reichsstraße genannt und vor ihrer Herabstufung zur Kreisstraße als Bundesstraße 4 berühmt-berüchtigt für viel Verkehr, für Autos, Lastwagen und damit jede Menge Dreck und Lärm. Sowohl Kaiser Wilhelm II. als auch Adolf Hitler durchquerten Stelle auf dieser Route. Mit dem Anschluss an die 1847 eröffnete Eisenbahnstrecke Harburg-Hannover ging die Entwicklung des bis dahin abseits von großen Verkehrswegen liegenden Ortes stetig aufwärts. Auch der Ausbau der durch den Ort führenden, eben genannten Straße war davon betroffen. Nur ungern akzeptierten die Steller den Ausbau der Straße. Denn bislang waren Postkutschen und Lastfuhrwerke oft genug in den Sandwegen steckengeblieben; die Hilfsdienste ließ man sich trefflich entlohnen.

Zerschneidet den Ort Stelle noch immer: die ehemalige B 4 und heutige K 86.

Die Straße ist bis heute ein Problem geblieben. Zunächst schaffte sie Schmutz und Lärm in die Wohnstuben der Anlieger, eine Situation, die sich auch durch den Bau der Bundesautobahn 250 (heute A 39) nicht wirklich verbesserte. Außerdem zerschneidet die Straße den Ort rücksichtslos in zwei Teile.

Der Ursprung des einstigen Bauerndorfes liegt am Pagensood und an der St.-Michaels-Kirche. Wer sich über die Geschichte des Ortes informieren möchte, kann dies im Dorfmuseum Stelle, Bei der Kirche 3, tun.

 



Der Pagensood (links) ist eine Quelle, die von alters her als Viehtränke genutzt wurde. Um diesen Ort entwickelte sich Stelle.

 

 

Ashausen - Der Mühlenteich blieb ein Kleinod

Verträumt schlängelt sich der Ashäuser Mühlenbach durch den Ort; die Viehtränke am Brink (vorne rechts) gibt es längst nicht mehr.

Eine kleine Kostbarkeit ist der Ashäuser Mühlenbach, der die Gestalt der Ortschaft wesentlich mitbestimmte. Ein kleiner Teil dieses Baches, der von Feuchtwiesen, Bruchwäldern, Quellbereichen, Kleinsümpfen und Mooren begleitet wird, ist von Naturschützern als besonders wertvoll eingestuft worden. Das Fließgewässer entspringt zwischen Holtorfsloh und Büllhorn, fließt in Richtung "Napoleonbrücke", die König Georg III. 1789 bauen ließ.

Der Bach speist den Ashäuser Mühlenteich, zwischen der Waldsiedlung Büllhorn und dem Dorf gelegen. Das Dorf erhielt seine grundlegende Prägung nach dem großen Brand von 1841 mit den niedersächsischen Bauernhöfen und deren zur Straße gewandten Grootdöörn. Der charakteristische Baustil ist in der Lindenstraße zu finden. Die Waldsiedlung entstand nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Bau von Wochenendhäusern.

Zwischen Dorf und Siedlung liegt ein in Norddeutschland noch selten anzutreffendes Ensemble: Mühlenteich und ehemalige Mühle. Anfang des 20. Jahrhunderts lud der Teich zu Kahnpartien ein; damals war er von einem schönen Park und einem kleinen Moorgebiet umgeben.

Bevor der Mühlenbach weiter in Richtung Seeve floss, trieb er bis Ende der 50er-Jahre zunächst das Wasserrad und dann die Turbine zur Mühle an, die nach dem Brand vom 16. auf den 17. Januar 1887 wieder aufgebaut wurde. Hätte es nicht gebrannt, das ursprüngliche Mühlengebäude könnte auf ein stolzes Alter zurückblicken: Von 1321 nämlich datiert ein Kaufvertrag über die Mühle. Nach dem Brand wurde 1888 eine Sägerei eingebaut; das Langholz lagerte im Mühlenteich.

Neben der Mühle prägte die Steinhagesche Kiesgewinnung das Ortsbild von Ashausen. 1928 begann der Abbau, seit Mitte der 30er-Jahre durch den 32 Meter hohen, markanten Siebturm (Bild rechts) dokumentiert.

 

Fliegenberg - Köstlicher Stint!

Lange dauerte es, bis eine Straße von Stelle nach Fliegenberg gebaut wurde. 1925 wurde das Projekt realisiert, 1938 folgte die Pflasterung.

Fischer, Schiffer, Faslam - hinter diesen drei Begriffen verbirgt sich Fliegenberg an der Elbe. Der Strom war es, der den Bewohnern hinterm Elbdeich lange Zeit Lebensunterhalt bedeutete, der noch immer eine Gefahr für Leib, Leben, Hab und Gut darstellt. Die Fliegenberger Fischer zahlten für Fischereirechte auf der Elbe zum Beispiel im 18. Jahrhundert 19 Reichstaler und acht Lachse. 1921 gar gelang den Fliegenbergern ihr größter Fang: Ein Finnwal hatte sich in die Elbe verirrt; das acht Meter lange Tier wurde erlegt, konnte gegen Eintrittsgeld besichtigt werden, wurde später in einem Vergnügungslokal in St. Pauli ausgestellt. Heute kennt jeder in Fliegenberg und so ziemlich jeder in den umliegenden Orten die Namen Wilhelm und Werner Grube: Sie versorgen jeweils zu Beginn des März Küchen in Restaurants und Privathäusern mit der Traditionsmahlzeit der Winsener Marsch: mit dem köstlich schmeckenden Stint.

1949 wurde in Fliegenberg die Schifferbrüderschaft Vogtei Neuland aus der Taufe gehoben, eine Gemeinschaft, die sich zunächst als Gesellschaftsverein verstand und jährlich einen großen Schifferball veranstaltete, die aber auch den Fliegenberger Hafen pflegte, der nach der Sturmflut 1962 neu gebaut wurde.

Höhepunkt heutiger Geselligkeiten ist der Fliegenberger Faslam. 1881 wurde er zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Die Schulchronik gibt darüber Auskunft, dass sich damals ein Knecht beim Faslam ein Bein brach.

 

Den größten Fang in ihrer Geschichte machten die Fliegenberger Fischer 1921: einen Finnwal. Er wurde verkauft und dann in St. Pauli ausgestellt.

 

 

Wuhlenburg/Rosenweide - Obst und Gemüse selbst nach Altona geschafft

Gutsbesitzer wurde der Wunderdoktor aus Radbruch, Schäfer Ast (2.v.l.), Anfang des 20. Jahrhunderts; er kaufte auch das Rittergut Wuhlenburg.

Zu einer Einheit wurden Wuhlenburg und Rosenweide 1929 zusammengefasst, zwei Elborte, von denen Wuhlenburg zweifellos auf eine längere Geschichte verweisen kann. Ein Hof gehörte denen von Finx, die sich im 14. Jahrhundert vom Adel lossagten und den Namen Franscisci annahmen. Der Finxsche Erbhof wurde von dem ehemaligen Celler Hofmarschall von Spessard erheiratet, wodurch sich der Erbhof in einen freien Adelshof wandelte. Bis in die jüngste Geschichte spielte dieser Hof eine Rolle. Zum Beispiel für Schäfer Ast aus Radbruch. Um die Jahrhundertwende verdiente der Heiler viel Geld. Er kaufte Höfe und - an der Seevemündung in Wuhlenburg - das Rittergut, den ehemaligen Finxschen Erbhof. Der Schäfer war um 1910 herum zum Rittergutsbesitzer avanciert. Die Erinnerung an ihn wird seit vielen Jahren jeweils am Himmelfahrtstag wieder wach. Stelle, Ashausen und Fliegenberg treffen sich an einem idyllischen Ort zwischen Stelle und Wuhlenburg zum Gottesdienst im Freien - im "Gebüsch Schäfer Ast" nämlich.

Wer von Rosenweide aus durch die Vogtei Neuland diesem Fleckchen Erde zustrebt, wird schnell gewahr, was die Entwicklung der Dörfer Rosenweide und Wuhlenburg prägte: Nach den Grünhökern in Hamburg - dem Verkauf jungen Gemüses und frischer Kartoffeln in kleinen Mengen - erweiterte sich nach der Entwässerung der Vogtei Neuland der Gemüseanbau. Der plantagenmäßige Obstanbau entwickelte sich. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts gründeten zirka 15 Einwohner von Rosenweide die Schiffer-Gesellschaft Rosenweide. Die Genossenschaft kaufte ein Schiff, um damit ihre Erzeugnisse zum Fischmarkt in Altona zu bringen. Das Boot wurde vom Dampfer "Hoopte" zum Ziel geschleppt. Später übernahmen Großhändler die Vermarktung.

Wer durch die Vogtei zum "Gebüsch Schäfer Ast" gelangen wollte, stieß auf Monumente, die seit Ende der 30er-Jahre die Marsch zwischen Meckelfeld und Fliegenberg zierten: auf sogenannte Nickesel nämlich. Damit gemeint sind Tiefpumpenantriebe der Wintershall AG, die mit diesen Gerätschaften Erdöl förderte. Am ergiebigsten war das Südfeld zwischen der Seevemündung in die Elbe, dem Rangierbahnhof Maschen und Fliegenberg. Dort brachten die Techniker 1957 die erste Fundbohrung nieder. Aus 1900 Metern Tiefe wurde gefördert. Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert, sind die Nickesel aus der Landschaft verschwunden.



Mit einem Schiff transportierten schon 1898 Einwohner von Rosenweide ihre Produkte zur Vermarktung nach Altona. Das Schiff wurde hingeschleppt.