Samtgemeinde Elbmarsch

Idylle mit Beigeschmack

Das Rathaus der Samtgemeinde Elbmarsch in Niedermarschacht. Früher war in dem Gebäude die Grund- und Hauptschule untergebracht.

Der bedeutendste Fluss begrenzt sie nördlich und findet sich in ihrem Namen wieder: In "Elbmarsch" steckt das Wort "Elbe" drin. Die Elbmarsch, sie ist geprägt und geformt durchs Wasser. Keinen Strand wie teils die Elbe, aber in der warmen Jahreszeit schöne blühende Uferränder weisen andere Wasserläufe in der Samtgemeinde Elbmarsch auf: die Neetze und die Altarme der Ilmenau, der Hörstengraben und der Ilau-Schnede-Graben. Jedoch: Die Idylle in der landschaftlich reizvollen Marsch ist keine ungetrübte: Eine außergewöhnlich hohe Zahl an Leukämie-Erkrankungen - insbesondere Kinder sind erkrankt - hat die Elbmarsch-Bevölkerung sensibel gemacht für Umweltgefahren.

 

Der Reihe nach. Erst als man im 13. Jahrhundert begann, die Elbe in ihrem jetzigen Lauf einzudeichen, konnte auch daran gedacht werden, das fruchtbare Marschland zu kultivieren. Aber immer wieder gab's verheerende Überschwemmungen. Bei Deichbrüchen drang das Wasser weit in ungeschütztes Land vor. Noch heute findet man Spuren solcher Unglücke: Bracks, Deichreste und Sandüberlagerungen. Einige der idyllischen Seen allerdings sind von Menschenhand entstanden - durch Bodenentnahmen für den Deich- und Straßenbau.

 

Belastungen für die Elbmarsch brachte und bringt noch heute der Durchgangsverkehr. Positiv: Ein Netz von Wirtschaftswegen erschließt die Marsch für Radfahrer, Reiter und Spaziergänger.

 

Größte Belastung für die Menschen in der Elbmarsch sind jedoch die bis heute ungeklärten zahlreichen Leukämie-Fälle. Was ist die Ursache? Tatsache ist: Am 12. September 1986, wenige Monate nach dem verheerenden Unglück von Tschernobyl, wurden im Atomkraftwerk Krümmel, auf das die Menschen der Elbmarsch blicken, wenn sie am Elbufer stehen, deutlich erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen. Allerdings hieß es, die Radioaktivität sei nicht in dem Kernkraftwerk ausgetreten, sondern sie müsse von außen in dieses eingedrungen sein. Kam sie vom benachbarten GKSS-Forschungszentrum? Oder ist "nur" natürlich vorhandenes Radon aus der Erde ausgetreten? Zeugen berichten von einem Brand beim Forschungszentrum, von einer aufsteigenden, ungewöhnlich leuchtenden Feuersäule. Berichte der Feuerwehr von einst lassen sich nicht mehr einsehen, sie sind einem Brand zum Opfer gefallen - einem Brand ausgerechnet bei der Feuerwehr. Eine Forscherin entdeckte so manches, was den Menschen Angst bereitete: verstrahlte Bäume, verseuchte Dachböden, veränderte menschliche Chromosomen... Im Erdreich wurden atomare Kügelchen gefunden... Die Menschen in der Elbmarsch haben bis heute keine Antwort auf die Frage erhalten, was die eigentliche Ursache für die Leukämie-Fälle ist. Stattdessen mussten sie miterleben, wie mehrere Forscher ihre Arbeit niederlegten - Begründung der Wissenschaftler: Sie seien bei ihrer Arbeit von anderer Stelle systematisch behindert worden!

 

Was ist am 12. September 1986 wirklich passiert? Wurde da etwas vertuscht? Nicht wenige Menschen in der Elbmarsch vermuten das.

 

Atomausstieg, Ausstieg aus dem Ausstieg, nach dem Unglück von Fukushima nun doch der Ausstieg aus der Atomkraft - kaum jemand dürfte diese Schlagzeilen so intensiv verfolgt haben wie die Menschen in der Elbmarsch. Das Thema Atom beschäftigt hier noch immer jeden.

 

Dass die Bewohner der Elbmarsch sich nicht haben unterkriegen lassen, spricht für die Stärke der hier lebenden Menschen!

 

Aus Gemeinden & Ortsteilen

Sturmflut 1976 - Land unter in Drage

Angst und Schrecken am 3. Januar 1976 in Drage: Bei einer der schwersten Sturmfluten bisher gab's immense Sachschäden. Kiebitzende und Uhlenbusch, damals noch nicht von einem Elbdeich geschützt, standen unter Wasser. Feuerwehrleute, die bei Sicherungsmaßnahmen geholfen hatten, retteten sich teils buchstäblich in letzter Minute auf eine Wurt.

 

Mit der Gefahr des Wassers lebte man seit eh und je an den außendeichs gelegenen Straßen Kiebitzende und Uhlenbusch in Drage. Wo das Gelände nicht hoch genug war, um Schutz vor Hochwasser zu bieten, waren die Häuser früher auf Wurten gebaut worden. 1976 allerdings gab's schon Wohnhäuser, denen nur der Sommerdeich am Kiebitzende Schutz bot, und der brach an besagtem 3. Januar an zwei Stellen.

 

Die Sturmflut 1976 brachte höhere Wasserstände als im Katastrophenjahr 1962. Und sie hätte noch höher auflaufen können, wenn der Orkan früher aus Nordwest gekommen wäre. Bei Laßrönne und Drage erreichte der Wasserstand infolge Windstaus Deichkronenhöhe. Örtlich schwappten Wellen über. Auch bei den Häusern, die auf Wurten liegen, stand das Wasser beinahe an den Haustüren. Ein schlimmer Moment, als sich die Situation in den Abendstunden zuspitzte: An einem der Häuser auf dem Kiebitzende gab's Unterspülungen, der Wirtschaftsteil riss weg.

 

Später setzte der Bundesgrenzschutz Boote ein und nahm Leute auf, die in ihren Häusern im Wasser standen. Auch die Feuerwehrleute, die sich auf eine Wurt gerettet hatten, kamen auf diese Weise noch in den späten Abendstunden nach Hause. Was dann begann, waren aufreibende Aufräumungsarbeiten unter den Augen unzähliger Schaulustiger, die von zwei weiteren, nicht mehr so folgenschweren Sturmfluten am 21. und 22. Januar unterbrochen wurden.

 

Bei Sturm über die Elbe - ein Abenteuer

Vielbefahren ist die Rönner Elbbrücke. Über die Bundesstraße 404 hat sie mittlerweile seit Jahrzehnten Anschluss an das Bundesfernstraßennetz.

Wenn sich Kinder bei schwierigen Wetterverhältnissen ankündigten, konnte er für werdende Mütter aus dem mittleren Teil der heutigen Samtgemeinde Elbmarsch zur Tortur werden, der sonst so kurze Weg ins Geesthachter Krankenhaus: Die Fähren fuhren nicht, es blieb nur der Umweg über die Lauenburger Brücke. Und das nicht selten im Taxi, denn über eigene Autos verfügten noch in den 50er-Jahren nicht viele. Erleichterung brachte die Rönner Elbbrücke, die im September 1966 eingeweiht wurde. Mit der Brücke allerdings endete auch die Tradition der Elbfähren. Schon 1967 wurde die Autofähre Niedermarschacht - Geesthacht eingestellt.

 

Wer aus Schwinde, Rönne, Marschacht und Tespe früher auf eine höhere Schule wollte, der ging nach Geesthacht, denn der Schulweg konnte per Fahrrad absolviert werden. Für die Strecken nach Winsen oder Lüneburg war man auf Busse angewiesen, und die fuhren nicht allzu oft. Nach Geesthacht kam man schnell und problemlos, solange nicht Nebel oder Eis den Fährbetrieb beeinträchtigten. Stellte sich eines dieser Übel ein, wurde der Schulweg für die Kinder aus Schwinde und Rönne allerdings unverhältnismäßig lang. Erst radelten sie nach Tespe, denn die dortige Fähre verkehrte meist etwas länger als die Niedermarschachter, dann blieb nur noch der Weg über Lauenburg, auf den in der Regel aber verzichtet wurde, weil er nur noch per Auto zurückzulegen war.

 

Mussten werdende Mütter ins Krankenhaus gebracht werden, wagten die Fährbetreiber hin und wieder in der Not einiges mehr als in Alltagssituationen. Da gibt's noch Erinnerungen an Sturmnächte, in denen das Anlegen zum Abenteuer wurde und auch mal Fahrzeuge beinahe in der Elbe landeten. Erleichterung brachte schon die Baubrücke, die der heutigen Elbbrücke vorausging. Von Radfahrern und Fußgängern war sie problemlos zu benutzen, von Kraftfahrern mit etwas mehr Mühe und vor allem dem unwohlen Gefühl, etwas Verbotenes zu tun.

 

Hunden - Vergessenes Wunderkind von 1777

Wunderkind von Hunden? Martin Barz, Archivar der Samtgemeinde Elbmarsch, erntet oft nur fragende Blicke, wenn er auf die Geschichte aus dem 18. Jahrhundert zu sprechen kommt. Dabei hat es dieses Wunderkind tatsächlich gegeben. Das ist im Staatsarchiv von Hannover nachzulesen. Dort nämlich liegt eine Akte, in der es heißt, dass sich am 11. Juni 1777 der Handorfer Pastor Rudow beim Amtmann in Winsen beschwert, dass "Bettler und andere Leute Wallfahrten zu einem Wunderkinde in Hunden unternehmen, und zwar so zahlreich, dass der Ort dadurch geradezu überschwemmt wird".

 

Nikolaus Leonhard Heitmann, siebter Sohn von Christoph Heitmann, war dieses sogenannte Wunderkind. Drei Jahre alt, bestrich der Junge "mit seiner klaren und durchsichtigen Hand" - so die Akte im Staatsarchiv Hannover - Aussatz, Brüche, Fisteln, Grind, Krebs und anderes, um zu heilen. Schon das Wasser, mit dem er sich gewaschen hatte, sollte helfen. Ein schwunghafter Handel wurde damit betrieben.

 

Der Amtmann handelte auf die Anzeige des Pastors prompt: Er verbot das Treiben mit dem Kinde bei Strafe. Dem Fährmann an der Ilmenau wurde gar Gefängnis angedroht für den Fall, dass er Personen übersetzte, die Heilung bei dem Jungen suchten. Geholfen hat's wenig: Nach einer Woche beschwerte sich der Pastor abermals. Fremde kämen immer noch "zu Wagen und zu Fuß". Das Kind werde auch nach Wittorf gebracht. Ein Vorschlag der Landesregierung: Wenn alles nicht helfe, müsse das Kind an einen entlegenen Ort gebracht, aber gut versorgt werden.

 

Die Angelegenheit erledigte sich schließlich fast von allein: Es wurde ruhiger um das Kind, als der Amtmann verbreiten ließ, es habe seine heilenden Kräfte verloren. Und schließlich war es ganz vergessen...

 

Tesper Wappenhaus - Ehrung für Dorothea

Hat Geschichte: das Niedersachsenhaus, das im Tesper Wappen zu finden ist. Die Inschrift auf einer Tafel auf dem Gebäude erinnert an "die gute Tochter".

Die Elbe, den Deich und den Giebel eines Niedersachsenhauses zeigt das Tesper Wappen. Bei dem Haus, das da zu sehen ist, handelt es sich nicht um ein symbolisches, sondern um eines, das es an der Straße Am Deich tatsächlich gibt. Eine Inschrift weist auf die Geschichte hin, die sich um das Gebäude rankt, das in Tespe als Wappenhaus bezeichnet wird. Nachzulesen ist sie unter der Überschrift "Die gute Tochter" in dem Buch "Der kleine Erzähler" von K. Müchler. Die Originalfassung stammt aus der Zeit um 1810.

 

In dem lauenburgischen Dorf Tespe - so heißt es in der Erzählung - lebten ein Bauer namens Bergmann und seine Frau, die durch Überschwemmungen und andere Unglücksfälle in sehr bedrängte Umstände geraten waren. Schließlich raubte ihnen noch ein Brand die ärmliche Hütte, in der sie wohnten. Als ihr einziges lebendes Kind, Dorothea, davon hörte, verließ es seinen Dienst und eilte nach Tespe. Dort fand die junge Frau ihre Eltern halbtot in einer Scheune.

 

Sie brachte die Alten in einem benachbarten Haus unter, pflegte sie und verwandte selbst ihren Brautschatz, um ihnen das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Ein Mann war gerührt von so viel Selbstlosigkeit und berichtete darüber in mehreren öffentlichen Blättern. Die Folge: Es gingen so viele Spenden ein, dass den beiden Alten ein neues Haus gebaut werden konnte.

 

Als das neue Haus bezogen war, erkrankten die beiden Alten bald an der Ruhr. Dorothea kümmerte sich trotz der Ansteckungsgefahr aufopferungsvoll um sie, bis sie starben. Sie waren eben bestattet, da befiel Dorothea die Krankheit. Nach einigen leidvollen Wochen, so heißt es in der Geschichte, "starb auch sie den sanften Tod, den solches Leben verdiente".

 

Um die junge Frau auch nach ihrem Tode noch zu ehren, wurde eine blaue Tafel an dem Haus befestigt. Darauf waren in kurzen Worten die Geschehnisse beschrieben. "Die Edle fromme Milde/ stellet sich im Bilde/ dieses Hauses dar" heißt es am Anfang des Gedichts, das heute an der großen Tafel an dem Haus ins Auge springt.

 

Spitze oder Ranke? Handorfer wissen's!

Schwarze Hände und steife Schultern gibt's, wenn Maiblumen-Saison ist. Meist sind es Frauen, die in den Maiblumenstuben sitzen und Spitzen von Ranken trennen. Die Spitzen, aus denen später die wunderschönen Maiglöckchen sprießen, gehen in den Verkauf, die Ranken kommen wieder in die Erde. Handorf gehört zu den traditionellen Anbaugebieten für die grünblättrige Pflanze, allerdings mit abnehmender Tendenz: Die ältere Generation gibt auf, die jüngere macht in so manchem Fall nicht weiter.

 

Die Maiblumenernte beginnt in der Regel Anfang Oktober. Dann werden die Pflanzen gerodet und kommen in den Maiblumenstuben auf die Tische. Das Pulen erfordert Erfahrung, denn nicht immer sind Spitzen und Ranken auf den ersten Blick auseinanderzuhalten. Der Unterschied, der sich fühlen lässt: Bei den Spitzen steckt eine komplett ausgebildete Blüte im Keim, bei den Ranken nicht. Die kommen deshalb wieder in die Erde. Weil das geschehen sein muss, ehe Eis und Schnee das Pflanzen unmöglich machen, bleiben nur wenige Wochen für die Ernte.

 

Was schnell erledigt sein muss, braucht viele Hände. Saisonkräfte sind deshalb gefragt während der Maiblumenernte. Die gibt's nur noch begrenzt, denn hier ist die Entwicklung dieselbe wie bei den Anbauern: Es fehlt an Nachwuchs. Wer sie gewohnt ist, die langen Tage in der Maiblumenstube, der mag sie allerdings nicht missen, denn sie sind unterhaltsam. Beim Pulen kann herrlich geschwatzt werden.

 

Die Anbauer binden die nach Qualität sortierten Spitzen und sanden sie ein. Aus den Einschlägen gehen die Bunde dann an die Exporteure. In Frankreich sind Maiglöckchen insbesondere zum 1. Mai gefragt, in Holland das ganze Jahr über. Die Spitzen bleiben eingefroren frisch und werden jeweils nach Bedarf aufgetaut. Zwei bis drei Wochen dauert's, bis aus dem Wurzelwerk Blüten sprießen.