Stadt Winsen

Winhusen - Erste urkundliche Erwähnung 1158

Das Winsener Schloss.

Die heutige Stadt Winsen hat seit der ersten urkundlichen Erwähnung von Winhusen anno 1158 eine wechselvolle Geschichte durchlaufen, die insbesondere seit dem 800-jährigen Stadtjubiläum im Jahre 1958 durch zahlreiche heimatgeschichtlich tätige Kräfte intensiv erforscht wurde und noch wird.

 

Dieser Aufgabe widmet sich mit großem Engagement der Heimat- und Museumverein Winsen. Ihm ist es besonders zu danken, dass im Sommer 1978 die Stadtgeschichte erstmals in Buchform erscheinen konnte.

 

Eine Urkunde vom 21. Mai 1158 über die Neuverteilung von Pfründen für die Bardowicker Stiftsherren, versehen mit dem Siegel von Bischof Hermann, nennt erstmals den Ort Winhusen, aus dem Winsen wurde. Funde in der Gegend des heutigen Schützengehölzes lassen aber auch auf eine Besiedlung des hiesigen Raumes bereits in vorgeschichtlicher Zeit schließen.

 

Das Winsener Rathaus (ganz rechts) und sein Erweiterungsbau.

 

 

Der historische Winsener Marstall.

 

Bereits 1233 wurde Winsen eine selbstständige Kirchengemeinde. Das Schloss fand 1299 Erwähnung, und zu dieser Zeit residierte als Landesherr Otto der Strenge, seit 1277 Herzog. Das Schloss in Winsen war ab 1593 für knapp 25 Jahre der Witwensitz von Herzogin Dorothea, einer dänischen Königstochter, die mit 15 Jahren Wilhelm den Jüngeren aus dem Hause der Herzöge des Füstentums Lüneburg ehelichte und mit 46 Jahren Witwe wurde. Die Herzogin starb 1617, kurz vor Beginn des 30-jährigen Krieges.

 



Die Winsener St.-Marien-Kirche.

 

Zu erinnern ist hier auch daran, dass am 21. September 1792 in Winsen Johann Peter Eckermann geboren wurde, der vom Hütejungen zum Dichter, Schriftsteller, Doktor der Philosophie und Hofrat aufstieg, vor allem aber Freund und Mitarbeiter Goethes sowie Herausgeber seiner Werke war.

 

Ein bemerkenswerter Wandel in der Entwicklung fällt in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Handwerk, Handel und Gewerbe entwickelten sich fortan prächtig - bis in die heutige Zeit. Mittlerweile zählt die Stadt Winsen um die 35.000 Einwohner!

 



Das Eckermann-Denkmal.

 

 

Partnerschaften fördern die Völkerverständigung

Auf dem Weg zur Gemeinschaft der Völker in Europa marschiert auch die Stadt Winsen seit Jahrzehnten mit. Die Säulen einer solchen Entwicklung mit dem Ziel einer besseren Völkerverständigung sind sowohl kommunale Partnerschaften als auch solche zum Beispiel von Schulen und Vereinen. Auf diesem Weg ist man in Winsen gut vorangekommen.

 

Mitte der 60er-Jahre nahmen Sportler des Winsener Schwimmvereins Beziehungen zu einem Schwimmverein in der französischen Stadt Pont-de-Claix auf, die wenige Kilometer südlich der Olympiastadt Grenoble liegt. Daraus entwickelte sich zunächst ein regelmäßiger Austausch von Sportgruppen, später auch zwischen anderen Vereinen und Organisationen. Hinzu kam eine Schulpartnerschaft zwischen der Johann-Peter-Eckermann-Realschule und dem College Nationalise Le Moucherotte in Pont-de-Claix mit einem ebenfalls regelmäßigen Schüleraustausch.

 

Schon im Mai 1974 wurde die Schulpartnerschaft offiziell besiegelt. Hiesige Wegbereiter der kommunalen Partnerschaft zwischen Winsen und Pont-de-Claix waren die Bürgermeister Dr. Fritz Broistedt und Walter Köster, vollziehen durfte die offizielle Städtepartnerschaft Bürgermeister Heinrich Riedel am 15. Juni 1974 in Pont-de-Claix mit Bürgermeister Pierre Chastan.

 

Eine deutsch-deutsche Städtepartnerschaft wurde nach der deutschen Vereinigung 1990 zwischen Winsen und der Stadt Pritzwalk in Brandenburg geschlossen. Auch aus dieser Verbindung gingen vielfältige Beziehungen hervor.

 

Schon seit 1956 besteht eine enge Verbindung zur Kreisgemeinschaft Schloßberg/Pillkallen im früheren Ostpreußen, die alljährlich ein Hauptkreistreffen in Winsen veranstaltet.

 

Viele Jahre gibt es auch schon wechselseitige Beziehungen zwischen Winsen und Drezdenko (früher Driesen) in Polen. Diese partnerschaftliche Verbindung wird heute von Vereinen, Verbänden und anderen Organisationen gepflegt.

 

Darüber hinaus gibt es noch vielfältige Beziehungen von Vereinen und Schulen zu entsprechenden Einrichtungen in mehreren Ländern Europas. Den größten Brückenschlag hat zweifellos die Deutsch-Japanische Gesellschaft in Winsen mit ihrer inzwischen engen Partnerschaft mit der Provinz Fukui in Japan geschlagen.

 

Ortsteile

Bahlburg - Ohne Brückengeld nicht über die Luhe

Die Zeichen der Zeit sind am Bahlburger Schlauchturm zu sehen: Den Bau aus dem Jahr 1952 ziert eine Turmuhr.

Der Nebel, der an lauen Sommerabenden aus Luhe und Bahlburger Aue hochsteigt, legte sich dereinst über die Burg Bahlburg und die alte Wassermühle: Weder die eine noch die andere ist sicher zu datieren. Dass man in Bahlburg ohne Zeitangaben nicht auskommt, zeigt die Uhr, die in anderen Dörfern an Kirche oder Schule prangt. Bahlburg hat weder - noch. Aber ein wunderschönes Spritzenhaus, und dessen Turm ziert eine Uhr.

 

Luhe und Aue waren seit jeher die Lebensadern des Dorfes und sind es für die behäbigen Bauernhöfe bis heute geblieben.

 

Obwohl sie einst eine Fluchtburg besaßen, haben die Bahlburger längst Schwert und Lanze aus der Hand gelegt: Man wohnt in guter Nachbarschaft miteinander, was sich auch im Dorffest ausdrückt, und in Harmonie mit den Nachbardörfern. Zu klein, um ein eigenes Vereinsleben zu entwickeln, haben sich die Bahlburger Schützen nach Pattensen orientiert, zum Kirchdorf natürlich, mit dem man seit eh und je in engem Kontakt stand.

 

Konflikte gab's seit jeher wegen der teuren Brücken. Zwei führten zu Beginn des 18. Jahrhunderts über die Luhe, eine querte die Aue. Die eine Luhebrücke gehörte zur Poststraße zwischen Lüneburg und Harburg. Ihre Unterhaltung oblag dem hannoverschen Fiskus. Die beiden anderen Brücken musste das Dorf selbst instand halten. So bauten Fiskus und Dorf gemeinsam im Jahr 1746 eine Luhebrücke aus Steinen. Das Dorf hatte dazu Hand- und Spanndienste zu leisten. Bis 1850 wurde Brückengeld erhoben. Danach ging die Brücke in Bahlburger Besitz über, doch die Bahlburger lehnten die Unterhaltungslasten ab. So sprang erst im Jahre 1909 der Kreis Winsen für die Unterhaltung ein, und der Landkreis Harburg ließ 1957 eine Betonbrücke bauen. So hat die Dickköpfigkeit der Bahlburger dem Dorf viele Kosten erspart.

 

Borstel - Wo Hans Eidig wilderte und wilder Hopfen blüht

Zentrum der Geselligkeit: Als erster Winsener Ortsteil weihte Borstel schon 1972 das Dorfgemeinschaftshaus ein. Der Baubeginn lag vor der Eingemeindung.

Der Habichtshorst grünt wie eh und je für die Passanten auf der ehemaligen B4, auch wenn mittlerweile die Trasse der A39 (vormals A250) diesen wunderschönen Wald schneidet. Das große Waldgebiet umgibt das Dorf aus Richtung Südosten, das in Richtung Westen nach Winsen mündet und nach Norden in die Binnenmarsch ausläuft. An der Nahtstelle zwischen Marsch und Vorgeest verläuft die ehemalige B4, die das Dorf scheitelt, aber nicht teilt: In Borstel stimmt die Dorfgemeinschaft. Borstel - ein wunderschönes Dorf, das auch eine herrliche Umgebung aufweist.

 

Da rühmen Feinschmecker die dichten Brombeerhecken im Viefeld und Naturfreunde den wilden Hopfen an den Wegrändern. Die Flurbereinigung hat die Landschaft zwischen ehemaliger B4 und Ilmenaukanal neu geordnet, nicht verschandelt: Knicks und Gebüschstreifen an den Wegen geben dem Wild genügend Deckung, und im Frühjahr brüten Tausende von Kiebitzen in den satten Marschwiesen.

 

Wild - das war eine Leidenschaft des Wildschützen Hans Eidig, doch er jagte es nicht im Vie- und Bültenfeld, er jagte es im dunklen Forst, jagte als eine Art Robin Hood der Lüneburger Heide in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch manchem Zeitgenossen einen gehörigen Schrecken ein mit mancherlei Schandtaten gegen die Obrigkeit.

 

Bahnfahrer erkennen das Dorf zwischen einer riesigen Schafherde an der Strecke zwischen Winsen und Radbruch. Wendelin Schmücker hält dort seine Herde und ist weit und breit der einzige Schäfer in der Elb- und Binnenmarsch. Ganz in seiner Nähe ist das neue Sportzentrum des MTV Borstel-Sangenstedt gewachsen.

 

Gehrden - Am Deich keine nassen Füße...

Gehrden ist kein Dorf, es ist eigentlich eine landbautechnische Maßnahme aus dem 18. Jahrhundert. Nicht-erbberechtigte Söhne aus der Vogtei Pattensen machten das Weide- zu Ackerland. Mit nur rund 50 Hektar Gemeindefläche hatte die Siedlung nicht gerade viel Platz zum Wachsen, und vielleicht ist es gerade deshalb dort seit jeher besonders gemütlich und besonders demokratisch. Denn im Dorf Gehrden hat die parlamentarische Demokratie erst mit der Gemeindereform Einzug gehalten. Bis dahin gab's einen Bürgermeister, einen Kassenverwalter, einen Protokollführer - und die Gemeindeversammlung. Man kannte sich, man vertraute sich, man mochte sich - bis heute.

 

Wer als Autofahrer auf der ehemaligen B4 entlang saust, nimmt Gehrden oft gar nicht richtig wahr, zumindest nicht als geschlossene Ortschaft. Die ist es eigentlich auch gar nicht, denn als im Jahr 1769 das Herzogshaus Braunschweig-Lüneburg dort sechs Bauern ansiedelte und sie als Erbpächter dem Winsener Amt unterstellte, sollte kein Dorf gegründet, sondern eigentlich nur Boden beackert werden. So hat Gehrden, das sich zunächst an dem Weg Saatgehrden entlangzog und erst später baulich an die Hauptstraße heranwuchs, bis heute keinen eigentlichen Dorfcharakter. Die Umsiedlung an den Gehrdener Deich ist übrigens leicht erklärbar: Man kriegte dort bei Überschwemmungen keine nassen Füße!

 

Saatgehrden - diese alte Wegbezeichnung ist übrigens ein Hinweis darauf, dass erst mit der Gründung des Ortes der Pflug Einzug in die Landschaft gehalten hat. Seither wechseln dort Saat und Ernte, wo einst ganzjährig Gras wuchs. Dass auch die Weidewirtschaft weiterhin eine Rolle spielt, wird im Namen Geestwiesenweg deutlich.

 

Hoopte - Winsens Klein Bonum verschlief das Jubiläum

Das Ilmenau-Sperrwerk in Hoopte.

Das gallische Dorf Klein Bonum ist in der Comic-Serie "Asterix und Obelix" im Römischen Reich ungefähr das, was Hoopte in der Stadt Winsen ist: Eigentständigkeit in höchster Potenz. Wo die Ilmenau - durch das Sperrwerk wohldosiert - in die Elbe mündet, wo sich vom 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts von der Hoopter Schanze aus Kanonen gegen den Feind aus Richtung Norden richteten, gedeiht bis heute Elbmarsch-Urgestein.

 

Die Hoopter Schanze hat beispielsweise Heinrich Heine nur noch im Schwinden gesehen. Allerdings hat er durchaus gewusst, dass sich zuletzt - nämlich im Jahr 1813 - Franzosen und Russen Gefechte geliefert haben. Heine bestieg am 22. Juni 1823 die Hoopter Fähre, um gegenüber in Zollenspieker die Hochzeit seiner Schwester zu feiern. "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht..." Den Hooptern kann Heines Malheur nicht widerfahren sein, nicht einmal, als sie an ihr Dorfjubiläum dachten. Die schriftliche Ersterwähnung aus dem Jahre 1291 ist erst 1992 in die 700-Jahr-Feier umgemünzt worden.

Die Hoopter Fähre verbindet seit Jahrhunderten Winsen und Zollenspieker. Heinrich Heine benutzte sie auf dem Weg zur Hochzeitsfeier seiner Schwester.

Die Elbe ist seit jeher die Schicksalsader für das gemütliche Dorf am Elbdeich gewesen. Das zeigt zum einen die Hoopter Fähre, die bis heute zwischen hüben und drüben pendelt. Das zeigt auch der Hoopter Hafen, der heute Stöckter Hafen heißt und von dem aus die Altvorderen sogar eine Kleinbahnlinie ins nahe Winsen bauen wollten. Mit ihrem starken Elbdeich haben die Hoopter stets den blanken Hans in Schach halten können, wenn auch in den schlimmen Sturmflutnächten der 60er- und 70er-Jahre das Wasser gefährlich über die Krone schwappte.

 

Die Elbe hat den Hooptern aber auch scharenweise Besucher aus dem nahen Hamburg beschert. Die Gasthäuser in diesem Dorf zeugen noch heute davon, setzen im Frühjahr Stint auf die Speisekarte, servieren ansonsten mit Vorliebe Hecht und Aal. Seit jeher umgibt sich das Dorf mit Obst- und Gemüsefeldern. Der Hamburger Großmarkt ist schier unersättlich.

 

Laßrönne - Wo die Störche klappern

Laßrönne ist ein Unikum unter den Winsener Ortsteilen, gliedert es sich doch selbst in drei Ortsteile auf. Denn zu Laßrönne zählen auch Haue und Nettelberg. Von jeher sind die Grog-Pausen auf den Deichschauen des Artlenburger Deichverbandes in Laßrönne berühmt-berüchtigt. Denn dort atmen die Gäste neben dem würzigen Aroma des heißen Rums sozusagen Laßrönner Stallgeruch.

 

In dem Bauerndorf im Keil zwischen Elbe und Ilmenau ist die Bauernschläue besonders kräftig gediehen. Da ist die Rede von einem Milchbauern, der den Rahm seines Nachbarn in die eigene Kanne abschöpfte und damit den eigenen Fettgehalt aufbesserte. Da sind Streitereien über die Benutzung einer Deichrampe mit der Schrotflinte ausgetragen worden. Da galt das Schwarzschlachten in den letzten Kriegsjahren als Kavaliersdelikt, und das Schnapsbrennen auf eigene Rechnung war geradezu eine Pflichtübung.

 

Die Laßrönner haben sich in ihrer Insellage viele ihrer Eigenarten bis in die Gegenwart bewahren können. In kaum einem anderen Dorf pfeift der Grogkessel so oft wie gerade hier in den stolzen Bauernhäusern, deren Stil von zahlreichen Neubürgern für ihre Neubauten gekonnt übernommen worden ist.

 

Laßrönne wäre nicht komplett, vergäße man neben den Ortsteilen Nettelberg und Haue die beiden Außenstellen. Die eine ist das Schöpfwerk, über das der Wasserverband der Ilmenauniederung den größten Teil seines Gebietes entwässert. Die zweite Außenstelle ist die Seebrücke, ein Gasthaus.

 

Übrigens: Von vielen Dächern klappern zahlreiche Storchenfamilien fröhlich in den Wind, der in Laßrönne stets frisch weht und doch immer wieder der alte ist.

 

Luhdorf - Eichenidylle mit Grünkohl und Spargel

Durch Kanalbauarbeiten in den 80er-Jahren wäre Luhdorfs schönster Platz beinahe zerstört worden: Vom Eichenhain inmitten des Dorfes, um den sich stolze Bauernhöfe gruppieren, ist die Rede. Der Name Luhdorf zergeht auf der Zunge, denn der Feinschmecker denkt an Spargel im Frühsommer und Grünkohl im Winter. Der leichte Boden der Vorgeest ist wie geschaffen für beide Gemüse, und auf den saftigen Wiesen beiderseits der Luhe grasen Milch- und Fleischrinder. Durch den Bau der A250 (heute A39) ist diese dörfliche Idylle in Bedrängnis geraten, ist das laggezogene Straßendorf zum Autobahndorf geworden, ohne freilich die Kennzeichen der alten Gemütlichkeit eingebüßt zu haben. Von den einst zahlreichen Höfen haben sich nur noch wenige erhalten; einige frühere Bauern haben sich auf Spargelkulturen spezialisiert.

 

Die Züge der Osthannoverschen Eisenbahnen, die stöhnend übers Gleis durchs Dorf rollen, erinnern an die gute alte Zeit, wenn auch seit Jahrzehnten Dieseltriebwerke die gute alte Dampflok abgelöst haben.

 

Mit der Moderne verbunden ist die gute alte Zeit im alten Luhdorfer Elektrizitätswerk. Zu Beginn dieses Jahrhunderts gebaut, sollte es eigentlich in den 80er-Jahren abgerissen werden. Doch ein findiger Tüftler passte das alte Werk dem neuesten Stand der Technik an - und produziert eifrig Kilowattstunden aus der Luhe. Die hat dem Dorf nicht nur den Namen gegeben, die durchfließt wie seit Urgedenken die wunderschöne Landschaft, begleitet den Wanderer am Ufer mit ihrer strömenden Ruhe und bietet Kanuten hervorragende Sportmöglichkeiten.

 

Pattensen - Historisches Zentrum in 63 Metern Höhe

Die Pattensener St.-Gertrud-Kirche.

Es ist nicht zu leugnen: Pattensen war als Sitz einer Amtsvogtei ein historisches Zentrum im Winsener Raum. Auch die Neuzeit bestätigte dieses Kirchdorf mit der Einrichtung der Superintendentur. Die Pattensener weisen nicht ohne Stolz darauf hin, dass selbst Herzogin Dorothea im ausgehenden 16. Jahrhundert gern bei ihnen weilte. Das Dorf ist ganz Dorf geblieben, auch wenn's seit der Gemeindereform als Ortsteil in der Kreisstadt Winsen aufgegangen ist.

 

Pattensen ist sozusagen der Mikrokosmos der Kreisstadt, hat als einziger der Ortsteile eine eigene Kirche, und ansonsten alles, was Bürgern das Wohnen behaglich macht: Kindergarten, Schule, ein reges Vereins- und Kulturleben, eine idyllische Landschaft mit Wald, Wiesen und Feldern am leicht hügeligen Horizont und mitten im Dorf behäbige Bauernhöfe, die diese Landschaft pflegen.

 

Pattensen - das gibt's nicht nur an der Luhe, das gibt's noch einmal an der Leine, und zu dieser Stadt - bis weit in die Nachkriegszeit übrigens ebenfalls Sitz einer Superintendentur - sind über die Musik Kontakte geknüpft. Denn man ist kontaktfreudig in Pattensen, und das wird besonders deutlich, wenn das Dorf feiert: Faslam, Schützenfest oder Herbstmarkt. Nein, das herbstliche Vergnügen nach alter Väter Sitte - der erste Markt wurde 1240 gehalten - unter den knorrigen Eichen auf dem Kirchenvorplatz möchte niemand missen.

 

Wenn die Pattensener ein wenig auf Winsen herabsehen, so ist das durchaus wörtlich zu nehmen: Mit dem Rehmenberg erreicht Pattensen die für Winsen spektakuläre Höhe von 63 Metern - im Vergleich dazu wirkt der Wilseder Berg mit 169 Metern allerdings geradezu alpin.

 

Rottorf - Gute Nachbarschaft über die ehemalige B4...

Das Roddau-Stadion.

Die Rottorfer haben sich an den großen Scheitel im Dorf gewöhnt: Von der ehemaligen B4 ist die Rede, die auf der einen Seite die Zapfhähne der Wirte und auf der anderen die Gemeinschaftseinrichtungen wie Feuerwehrhaus und Sportanlagen hat. Diese Hauptstraße, die viel Gewerbe in den Ort lockte, wurde mit der Zeit, als sie noch Bundesstraße war, vielen lästig, doch es kam eine Entlastung, nämlich durch den Bau der Autobahn 250, die mittlerweile Autobahn 39 heißt. So stark befahren die B4 auch war, eines ist ihr nicht gelungen: Sie konnte die Dorfgemeinschaft nicht dividieren.

 

Es sind immer dieselben, die in Rottorf den Takt angeben: Man trifft sie in der Feuerwehr, im Sportverein, im Faslamsvolk und an den Stammtischen. Diese Macher halten die Rottorfer Eigenständigkeit auch nach der Eingemeindung nach Winsen aufrecht, haben manchmal Unsinn im Sinn und immer offene Ohren für Anregungen.

 

Dabei sah man in diesem Dorf an der Kreisgrenze zu Lüneburg die Politik einst recht eng: Bei der Volksabstimmung 1934 stimmten immerhin 209 von 213 Wahlberechtigten für Hitler. Die Quittung kam am Kriegsende, als die Engländer beim Einmarsch ganz Rottorf in Brand schossen. Rottorf wurde zum schwerstzerstörten Dorf im ganzen Kreisgebiet!

 

Das gab Chancen für einen konsequenten Wiederaufbau, und die Rottorfer nutzten ihn vorzüglich. Schon bald nach Kriegsende siedelte sich mit der Zimmerei Wenck ein bis heute führendes Unternehmen an, weitere Handwerks- und Gewerbebetriebe folgten. Kaum waren die größten Lücken im Dorf geschlossen, da musste ein neues Siedlungsgebiet her. Man fand es seinerzeit im Sandhagen und brachte es noch schnell vor der Gemeindereform zur Bebauungsreife: Misstrauen gegenüber der neuen politischen Heimat griff Anfang der 70er-Jahre Platz, hatte man sich doch unterschiedlichste Aufgaben mit den Nachbardörfern Borstel, Radbruch und Handorf geteilt.

 

So ganz sind diese Beziehungen nie abgebrochen. Noch heute schicken die Rottorfer ihre Kinder in Kindergärten nach Borstel, Handorf und Radbruch. Die kirchliche Zuordnung Rottorfs zum Kirchspiel Handorf ist nie in Frage gestellt worden, Schützen in Rottorf tragen das Handorfer Emblem am Ärmel, und junge Fußballer fanden zu einer Spielgemeinschaft mit Handorf und Radbruch zusammen. In Rottorf hat man halt schon immer über die eigene Ortsgrenze hinausgeblickt, und das ist bis heute so geblieben.

 

Roydorf - Viele Hengste und ein Bürgermeister

Die Luhebrücke ziert Roydorfs Dorfmitte. Sie löste 1985 eine alte Betonbrücke ab und beseitigte damit ein Nadelöhr.

Wenn sich Roydorf veränderte, bekam ihm das gut. Nur der Bau der Autobahn A250 (heute A39) macht eine Ausnahme von dieser Regel, denn der ist dem idyllischen Bauerndorf an der Luhe gar nicht gut bekommen.

 

Die Luhe ist seit alters die Lebensader für die Roydorfer, und vor einigen Jahren haben sie ihr den alten, mäanderförmigen Lauf zurückgegeben, der ihr zuvor durch die Regulierung genommen worden war. Dass letztere Maßnahme im Zuge des Autobahnbaues erfolgte, werten einige Roydorfer als Trostpflaster für die unschöne Beton- und Bitumenpiste.

 

Ansonsten hat Roydorf von Verkehrswegen stets profitiert. Zum Beispiel von der Eisenbahn: Als sie gebaut wurde, siedelten sich zahlreiche Bahnarbeiter in Roydorf an. So entstanden die Siedlungen an der Luhdorfer Straße. Aber damit die Roydorfer Bauern das Land verkaufen konnten, mussten sie die Lasten ablösen, die auf den Ländereien lagen. Der Grundstücksverkauf brachte den Höfen Geld, das in neue landwirtschaftliche Technologie und in die Pferde- und Rinderzucht investiert wurde. Inzwischen mauserte sich Roydorf zum Reitzentrum der Kreisstadt: Reitvereine haben hier ihre Sportanlagen. Die Pferdezüchter, ebenfalls vereinsmäßig zusammengeschlossen, holten eine Hengststation nach Roydorf.

 

Das Wasser der Luhe ist allerdings seit jeher das wichtigste Kapital für die Roydorfer Bauern gewesen. Alle Höfe im Ortskern liegen auf künstlichen Erhöhungen, und das lässt auf regelmäßige Überflutung der Gemarkung schließen. Diese Zeiten sind längst vorbei, das Flüsschen ist gebändigt, und Roydorf ist im alten Ortskern behutsam und an der Luhdorfer Straße und in deren Umgebung mit Riesenschritten gewachsen, ist Schulstandort im Süden der Kreisstadt geworden, hat zuletzt sogar ein Gymnasium bekommen. Dass Roydorf mit Heinrich Riedel den ersten Winsener Bürgermeister nach der Gebietsreform gestellt hat, erfüllt die Bürger noch heute mit besonderem Stolz.

 

Sangenstedt - Rätsel ums Wappen

In einem Fenster dieses Bauernhauses prangte lange eine Inschrift des Clemens zu Sanckenstedt.

Ein dunkelhäutiger Mensch im Familienwappen derer zu Sanckenstedt gibt Rätsel auf: In der zweiklassigen Schule, die bis zur Gebietsreform 1972 bestand, mögen sich zahlreiche Geschichten um ihn gerankt haben, und im Hinblick auf die multikulturelle Gesellschaft mag dieses Emblem den Bürgern Verpflichtung für internationalen Weitblick bleiben.

 

Seit jeher haben die Sangenstedter ihren Dorfschullehrer mit dem Führen der Chronik betraut. Der kramte denn auch die Lagebeschreibung jener Siedlung hervor, die im 13. Jahrhundert durch die Edlen zu Sanckenstedt gegründet worden ist. Ein historischer Meilenstein an der ehemaligen B4 mitten im Ort trägt die alten Entfernungsangaben aus der Zeit derer zu Sanckenstedt.

 

Die Ortsherren, im 15. Jahrhundert ausgestorben, waren auf einem bunten Fensterbild in einem Sangenstedter Bauernhaus bis in dieses Jahrhundert mit ihrem letzten Spross, einem Herrn Clemens Graf zu Sanckenstedt, präsent. Sein Besitz wurde in drei Vollhöfe aufgestellt, und aus einem davon entstanden neun Abbauerstellen.

 

Landwirtschaft dominiert bis heute im Dorf, wenn sich inzwischen auch Handwerksbetriebe angesiedelt haben. Die Feuerwehr, im Jahr 1889 gegründet, hält das Dorfleben mit mancherlei Aktionen in Gang. Die Sportler und die Schützen orientieren sich nach Borstel, was die Borsteler damit quittiert haben, dass sie in beiden Fällen Sangenstedt mit in die Vereinsnamen aufnahmen.

 

Zurück zu dem Sangenstedter Dunkelhäutigen: Der ist zwar außergewöhnlich, aber einmalig ist er nicht hierzulande. Herzogin Dorothea hat in Bütlingen eine Dunkelhäutige beherbergt, und die Hittfelder Kirche ist gar einem farbigen Heiligen geweiht: Ihr Patron ist St. Mauritius, ein dunkelhäutiger Märtyrer. Der Dunkelhäutige im Wappen derer zu Sanckenstedt geht wahrscheinlich auf die Zeit der Kreuzzüge zurück.

 

Scharmbeck - Prächtige Erntefeste

Das Scharmbecker Erntefest findet seinesgleichen nicht im norddeutschen Raum: Nach dem Krieg wollte das Dorf feiern statt schießen, und dabei ist es geblieben.

Scharmbecker Erntefest: Das ist Programm und alljährliche Einladung zugleich in dem Bauerndorf, und es hat sich in der Nachkriegszeit zum Superlativ entwickelt, nämlich zum größten Erntefest Norddeutschlands. Natürlich sind auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg solche Feste gefeiert worden, doch der Erntefestverein beginnt mit seiner offiziellen Zählung im Jahr 1949.

 

Nach Kriegsende hatte in Scharmbeck niemand mehr so recht Lust auf Uniform: Der Kriegerverein ließ seine Mützen im Schrank verstauben, wer die Schützenjoppe anziehen wollte, orientierte sich nach Pattensen oder Ashausen, doch in Scharmbeck blieb man zivil. So hat das Dorf mit seinem Erntefest einen unnachahmlichen Charme entwickelt, und die Fröhlichkeit hält das ganze Jahr über an.

 

Mit Winsen verbindet Scharmbeck die alte Ziegelei, in der angeblich die Steine für Schloss und Marstall gebrannt worden sind.

 

Grund zum Feiern gibt's in Scharmbeck reichlich: Der Gesangverein kommt in klangvoller Runde zusammen, die Feuerwehr löscht nicht nur, sie tafelt auch, der Turnverein mit seiner höchst aktiven Volkstanzgruppe setzt manch fröhlichen Akzent, und wenn die Scharmbecker Jäger zur Treibjagd blasen, bleibt kein Auge trocken.

 

Stöckte - Vom Entenprozess bis zum Faslam

Faslam in Stöckte: Der Faslamsclub lässt alljährlich Norddeutschlands größtes Narrenspektakel vom Stapel und übernimmt die Regierungsgeschäfte in Winsen.

Mancherlei Denk- und Merkwürdigkeiten haben Stöckte bekannt gemacht, doch berühmt geworden ist es durch den Faslam. Der wurde und wird hier gepflegt wie nirgends anderswo, der ist der norddeutsche Gegenpol zum rheinischen Karneval, und zu danken ist dieser Boom der Tollitäten den Stöckter Faslamsbrüdern. Sie überlagern mit ihrem Spaß auch die würdige Kreisstadt, übernehmen die Regentschaft im Rathaus, feiern selbst dann noch, wenn man anderswo Aschenkreuze auf die Stirn zeichnet: Der Aschermittwoch - das ist ein Zeichen ungebrochener Lebensfreude in Stöckte - wird voll in das Faslamsgeschehen einbezogen, ist mit dem großen offiziellen Frühschoppen beinahe noch wichtiger als der Rosenmontag. Erst Donnerstag kommt der Alltag.

 

Zum Beispiel auf dem Stöckter Brack, zum Beispiel für fernöstliche Enten auf seinem Wasser, zum Beispiel fürs Winsener Amtsgericht, zum Beispiel für einen Schriftsteller. Natürlich wissen Stöckter, was aus dieser alltäglichen Begebenheit geworden ist: der Entenprozess - zum einen wirklich vorm Winsener Amtsgericht, zum andern in einer wunderschönen Erzählung aus der Feder des Stöckter Autoren Josef Müller-Marein.

 

Mit literarischen Sonntagswerken hat sich ein anderer Wahl-Stöckter in die Literaturgeschichte eingeschrieben: Ernst von Salomon war ein querdenkender Preuße mit gesellschafts- und selbstkritischen Ambitionen. Seine Werke, allen voran seine Selbstbiografie "Der Fragebogen", erreichten Auflagen von mehreren 100.000 Exemplaren und sind viel zu schnell in Vergessenheit geraten.

 

Das Wasser hat den Stöcktern lange zu schaffen gemacht: Nach einem Deichbruch im Jahr 1838 stand Stöckte unter Wasser, und es gab fünf Todesopfer. Seither haben die Bürger ein besonders waches Auge auf ihren Deich, der immer wieder verstärkt worden ist.

 

Tönnhausen - Lütt Hei, Groot Hei, Hei Pus und Tütendreier

So richtige Ur-Tönnhäuser darf es in dem Dorf eigentlich gar nicht mehr geben, denn Tonno und seine Sippe sind von Karl dem Großen wegen groben Ungehorsams teils gemetzelt und andernteils ins Frankenland umgesiedelt worden. Doch ein paar der urwüchsigen Bardenkäuze müssen sich damals versteckt haben, anders wären manche Eigenarten in Tönnhausen kaum zu erklären.

 

Zum Beispiel die Namen: Da ist von Lütt Hei und Groot Hei - einem großen und einem kleinen Heinrich - die Rede, von einem weiteren Heinrich als Hei Pus, der mit einem Pus-Pus seine Hühnerschar im Griff hat. Der Spitzname "Tütendreier" galt einem Spitzbuben, der längere Zeit gesiebte Luft atmen musste.

 

Man spricht platt in diesem typischen Dorf der Binnenmarsch, das sich eigentlich erst seit seiner Zugehörigkeit zur Stadt Winsen dem Zuzug Fremder geöffnet hat. Ansonsten war man mit sich selbst beschäftigt - und dem Wasser, das dem Dorf gleichermaßen eine solide Lebensgrundlage wie auch empfindliche Gefahren bereitet hat. Nicht nur Elbe und Ilmenau sind da zu nennen, sondern darüber hinaus zahlreiche kleine Gewässer in der Gemarkung mit vielfältigem Fischbestand.

 

Die Gemarkung Tönnhausen ist der tiefstgelegene Bereich in der gesamten Winsener Binnenmarsch. Insofern hatten die Tönnhäuser Landwirte ein ganz besonderes Interesse an der Entwässerung dieses Gebietes, die mit dem Bau des Ilmenaukanals nach dem Meliorationsprojekt des Baurates Heß vorzüglich gelang.

 

Die Tönnhäuser denken in Zeiträumen, die in der schnelllebigen Gegenwart als schier überdimensional empfunden werden: Mit der Vollendung besagten Entwässerungsprojektes beseitigte man einen Mangel aus dem 14. Jahrhundert. Damals hatten Hamburg und Lübeck die Vierlande eingedeicht und den Elbstrom in seinen südlichen Arm gezwungen. Tönnhausen hatte wegen seiner Tieflage unter dieser Maßnahme ganz besonders zu leiden.

 

Zehn Voll- und fünf Halbhöfe haben auf 852 Hektar gewirtschaftet. Heute sind es weniger, doch Tönnhausen hat weiterhin Stallgeruch, ist geprägt von der Milchwirtschaft. Nach Feierabend jedoch kommt keine Milch auf den Tisch, sondern es wird bei Bier und Korn über Lütt Hei, Groot Hei, Hei Pus und den Tütendreier geschmunzelt.